Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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NOCH EINE FAMILIE

samen, mit Hieroglyphen bedeckten Steinwand; ein älte-
res Paar. Die Frau in dem gewohnten engen Kleid und mit
der obligaten Haltung des rechtwinkligen rechten Ober-
arms, der wieder die einzige körperliche Horizontale bil-
det. Die gestreckte Hand reicht dem Mann über die Hüfte,
wo sein Schurz beginnt, und berührt seinen herabhän-
genden Arm. Beide sind von gedrungener, weniger aristo-
kratischer Statur; sie matronenhaft, behäbig, er viel-
leicht etwas jünger. Er trägt die gekörnte Perücke, die
bis tief in die Stirn hineingeht und eng an den Wangen an-
liegt. Diese Kopfbedeckung hat eigentlich nichts von un-
serem Begriff der Perücke, sondern erinnert manchmal
an die eng gerippte Panzerhaube unserer Kitter. Das
streng gescheitelte und stilisierte Haar der Frau geht bis
auf die Brust. Die rahmende Kopftracht erhöht das Mar-
tialische der runden Gesichter. Der Ausdruck frappiert,
ein gesammelter, würdiger Ernst, den man mit besonderer
Betonung bürgerlich nennen könnte; bürgerlich ohne Spies-
sereinsehlag, ohne bornierte Härte, bürgerlich im Sinne
des zuverlässig verbürgten Gemeinsinns. Das Statuarische
der geraden Gestalten flößt unbegrenztes Vertrauen ein.
Man könnte sich solche Paare als Säulen eines Staates
denken.

Dies ist eine ganz andere Familie als unsere von Zart-
heit getragene Gruppe, bei deren Anblick sich nicht Ge-
danken an zärtliche Schwingungen verbieten. Eine zweite
Kategorie, mehr Durchschnitt, dem Zentrum näher, wäh-
rend sich unsere Familie mehr in der Peripherie, wo die
Künstler und Dichter wohnen, bewegt. Wir nennen unter
uns das zweite Paar die Alten.

Ich weiß nicht, wie es damals mit der Ehe stand. Man
behauptet, sie hätten es damit nicht sehr genau genom-
men. Ich kenne nicht die Gesetze des alten Ägypten, und
man hat darüber wenig Einzelheiten. Die sehr sachliche
Plastik der Zeit scheint mir ein durchaus erschöpfendes

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