Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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FAHRT NACH NUBIEN

Fest mit geschwungenen Lichtern. Ihre Koloristik schien
zuweilen ein wenig derb. Sonderbarerweise störten die
Kolosse vor den Pfeilern weniger als am Tage. Sie spielten
die Rolle von Karyatiden, die man auch in Sälen unserer
Fürstenhöfe findet und die dem Gewirr des Balls als Fest-
ordner von grotesker Erhabenheit dienen. Den großen
Mittelplafond schmückten ausgebreitete Schwingen heral-
discher Falken, und in den seitlichen Decken glitzerten
Sterne.

Die Rückfahrt stromab ging schneller. Wir erkannten
wenige Stellen, an denen wir vorher vorbeigekommen
waren, wieder. Die gelben Sandflächen zum Wasser herab
wirkten frischer. Die Verwehung bringt merkwürdige
kubistische Formen hervor, manchmal eckig gewordene
Stücke von Frauenkörpern. Der Vergleich mit Gletschern
ist ganz ungenügend, da das Gelb eine ganz andere Aktivi-
tät entwickelt. Wir legten bei Kalabsche an und besuchten
den Felsentempel Eet el Wali. Wieder symmetrisch ange-
ordnete Dekorationen mit farbigen Reliefs; schwefelgelb,
himmelblau, pompejanisch rot, helleres Elutrot. Die pla-
stischen Reste wertlos. Der Augustustempel nebenan zum
größten Teil unter Wasser und ohne Belang.

Nur den Staudamm und den schwarzen Galgenkran er-
kannte man sofort wieder. Der Galgen winkte von weitem
und brachte eine Art dreister Vertraulichkeit zustande,
die nicht abzuschütteln war. Im Hotel hatte sich wenig
verändert. Nur hatte man uns leider unsere Zimmer nicht
freihalten können, was uns verschnupfte. Der brachy-
zephale Koch erbat sich ein Zeugnis über seine Leistungen,
und ich kam dem Wunsch mit der Feierlichkeit nach, mit
der die Hofmarschälle bewährte Firmen zu Hoflieferanten
ernennen. Dafür schenkte er mir einen in Nubien gefun-
denen Stein mit natürlichen Teppichornamenten in der
Art van de Veldes.

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