Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Seite: 209
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K 0 M - 0 M B 0 UND E D F U

L)er Abschied von Assuan war ein Trauerspiel. So gut
bekommen wir es nie wieder. Babuschka weinte. Außer-
dem mußte man in der Nacht aufstehen, um morgens in
Kom-Ombo zu sein. Kom-Ombo und Edfu sollten an einem
Tag abgemacht werden. Solche Dispositionen gleichen
einem jener praktischen Möbel, die immer noch irgendwo
eine Schublade aber keine Form haben, und sind eigentlich
bei so einer Reise sinnlos. Ich war schuld. Mir fiel ein,
wir vegetierten in Assuan nur so herum, was sich natür-
lich nicht bestreiten ließ, aber uns von niemandem ver-
wehrt werden konnte, und plötzlich kam es mir auf vier-
undzwanzig Stunden an. Wir saßen uns im kalten Kupee
mit dem verschossenen Plüsch wie Bretter gegenüber und
sahen uns nicht an. Beleuchtung gab es auch nicht. Nach-
her versagte die Disposition, und die Doublette ging doch
nicht in einen Tag hinein, weil eine Schublade nicht funk-
tionierte, und es gab noch eine zweite trübe Nacht.

Der Ingenieur der Zuckerfabrik, an den uns Schacht
empfohlen hatte, holte uns morgens um sieben in Kom-
Ombo am Bahnhof ab, ein stiller und sehr freundlicher
Schweizer namens Ganter. Kom-Ombo besteht aus Bahn-
hof, Zuckerfabrik und Tempel. Wie Abdul sieht Herr Gan-
ter seine Familie nur in großen Zwischenräumen. Das
einzige, was man hier im Überfluß hat, ist Zuckerrohr
und Zeit. Ein Esel zog im munteren Trab den diminutiven

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