Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Seite: 265
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JERUSALEM

Der Morgen nach der Nacht über den Suez begann mit
Blumen. An einer Station warfen Judenkinder Sträuße von
Anemonen in den Schlafwagen. Wo sich eine Tür oder ein
Fenster öffnete, flogen rote Blumen herein. Nachher soll-
ten wir einen Schilling für jeden Strauß zahlen, doch gab
man es auch billiger. Ein kahles Gebirge wie manche
Höhen in Spanien, viel Steine, wenig Grün. Babuschka
verglich jeden Strich mit Ägypten und hatte keine Mühe,
die Überlegenheit des Niltals nachzuweisen. DieAnemonen
standen ihr.

Bei der Ankunft in Jerusalem obligater Krach mit ara-
bischen Gepäckträgern. Ein Deutscher oder Deutschame-
rikaner oder Deutschungar mit ausgeprägt jüdischem Ty-
pus stand uns bei und warf zwei Kulis eigenhändig aus
dem Bahnhof hinaus. Es war der Stationsvorsteher. Er
unterschied sich von anderen Stationsvorstehern durch
den Mangel jeglichen Abzeichens und ziviles Benehmen.
Zum deutschen Hospiz brauchten wir nur über die Geleise
zu gehen. Babuschkas Laune besserte sich, als wir unsere
Zimmer in Besitz nahmen, obwohl sie kleiner waren als
die in Kairo. Das Hospiz gehört denselben Schwestern
vom Heiligen Borromäus, und die Oberin stand früher dem
Hause in Kairo vor. Man fühlte sich noch mit Kairo ver-
bunden. Dieselben stillen Gesichter unter weißen Hauben.
Die Gäste ausschließlich Engländer. Als ich mich, wie es

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