Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Seite: 350
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DURCH DEN PELOPONNES

es auf Liebe zum Lande an, haben die Griechen die sicher-
ste Zukunft. Ihre Anhänglichkeit zielt nicht auf Museen.
Die Ausgrabungen werden auch hier den Fremden über-
lassen, und man rührt sich nicht, wenn draußen grie-
chische Stücke auf den Markt kommen. Sonderbar genug,
denn es gibt unter den großen europäischen Amateuren in
London, Paris und Alexandria reiche Griechen, die alles
mögliche sammeln. Der größte Chinasammler Europas
trägt einen griechischen Namen. Dagegen sind sie alle
Kenner ihrer Landschaft und wissen in jedem Winkel des
Peloponnes Bescheid.

Wir wollen griechischer als Griechen sein und beißen
uns an Marmorfragmenten fest, ohne von dem Land etwas
zu ahnen. Die verschiedenen Apollos und Athenen und
die Phidias, Skopas, Myron, Praxiteles gehören zum Wort-
schatz des Gebildeten. Wer kennt Nauplia? Das Land ist
griechischer als alle griechische Kunst, nicht eine Land-
schaft, sondern das eine und einzige Land, das schönste
und gesichtreichste Europas, das gelungenste Werk der
Natur. Hellas-Akropolis! Man hat sich das Ohr mit dem
zusammengesetzten Laut vollgestopft, denn Hellas war zu
einfach. Über einen Hügel unter Tausenden vergaß man
Himmel und Erde.

Auf der Fahrt an der Küste entlang hätte man bei jeder
der zahllosen Wendungen „Halt!“ rufen mögen. Gerade die
in der Kunst Athens am schmerzlichsten entbehrte Eigen-
schaft bot sich gelassen dar: Fülle. Das Auge lief über.
Fülle nicht nur an wechselnden Umrissen, die mit jeder
Fahrt am Meer in Italien und an der französisch-spani-
schen Küste verbunden ist; Fülle an Tiefenwirkung. Die
griechische Natur ist ein idealer Bildhauer. Der Beichtum
des Ufers, auf dem man fährt, wiederholt sich in Linien
und hügligen Flächen vieler Inseln, so daß eigentlich
nicht die Erde, sondern das Meer zum Gesicht wird. Dies
Gesicht ist nicht das Wasser, auf dem wir von Kleinasien

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