Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Page: 367
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LANDSCHAFT UND TEMPEL

keiner hinsieht, gerud im verstecktesten Winkel, verschwen-
derisch ist. Claude war dabei und Corot; Claude für die
größeren Pläne zum Meer, Corot für die gewissen Winkel
im Innern des Landes und die Staffage. Beide haben nie grie-
chischen Boden betreten, sahen Griechenland von der rö-
mischen Campagna oder von Ville d’Avray aus, doch
glaubt man manchmal, die Stelle, wo ihre Staffelei stand,
bestimmen zu können. Die Illusion beruht auf dem Um-
stand, daß es bei dieser Landschaft darauf ankommt, sie
nicht fest, sondern lose zu halten.

Man gewinnt mit Mühe die Stunde der Pflicht für die
Kunstschau und wird natürlich enttäuscht. Es wäre im-
mer schwer, sich neben dieser genial komponierten Na-
tur zu behaupten, auch für einen Claude und einen
Corot, für die vielleicht erst recht; um einiges leich-
ter für den Bildhauer gerade infolge des Gegensatzes, weil
die starre Materie sofort alle zu nahen Äquivalente bei-
seite schiebt. Immer gehört Musik dazu, Bhythmus.

Die Handwerker der Giebelgruppen sind um vieles sym-
pathischer als die archaischen Manufakturisten, die sich
mit der Lieferung von Kostüm und Coiffüre begnügten
und ein unentgeltliches Lächeln dazugaben. Diese hier
nahmen es ernster; derbe Kinder des Landes, schlicht und
unverzagt. Ich sehe sie in Holzpantinen. Sie schlugen sich
schlecht und recht mit den Musen herum, Bauernjungen,
die in der Stadt zu Künstlern wurden und noch als Pro-
fessoren ihr Bauerntum behielten. Da der Giebel drei-
eckig und in der Spitze am höchsten ist, stellt man Apoll,
den Festgott, in die Mitte, und da der berühmte Kampf der
Zentauren und Lapithen verlangt wird, flankiert man den
Festgott rechts und links mit solchen Biestermenschen,
die in Längsansicht annehmbare Pendants geben. Man
tut, was man kann, und läßt die Kämpfer mit derben
Fäusten dreinhauen. Andere Figuren beschäftigen sich
mit Zuschauen und tun das dem abnehmenden Giebelfeld

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