Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Patzold, Steffen; Schneidmüller, Bernd [Bibliogr. antecedent]; Weinfurter, Stefan [Bibliogr. antecedent]
Episcopus: Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts — Mittelalter-Forschungen, Band 25: Ostfildern, 2008

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.34736#0141

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
140

III. Der Umbruch der 820er Jahre

Es ist nicht einfach, den Erfolg dieser - religiös motivierten - >Bildungsoffen-
sive< zu beurteilen. Yitzhak Hen hat anhand von zwei Manuskripten der Jahre um
800 nachweisen können, daß die regelmäßig wiederholte Verpflichtung zur Kennt-
nis der Kanones zu Beginn des 9. Jahrhunderts durchaus auch im Pfarrklerus
Früchte trug'Y Am Beispiel von Texten zur Taufe hat Susan Keefe die weite Verbrei-
tung einschlägiger Lehr- und Handbücher für Landpfarrer nachgewieseiW Offen-
sichtlich blieb der Wissenskanon, den die Bischofskapitularien definierten, nicht
graue Theorie.
Die Tatsache, daß solide Kenntnisse von >Handbuchliteratur< von Landgeistlichen
erwartet wurden, weist nun aber darauf hin, welch hohen Rang die Hebung der
Bildung im Wertekatalog der Bischöfe in den ersten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts
einnahm. Wenn auch kaum in jedem Pfarrhaus, so standen am Ende der 820er Jahre
doch zumindest am Hof und in den großen geistigen Zentren des Frankenreichs
die Schriften der christlichen Spätantike in einer Anzahl und Qualität zur Verfü-
gung wie seit weit mehr als einem Jahrhundert nicht mehrY Dies war die dritte, die
vielleicht wichtigste Rahmenbedingung für jene neuartige, modellhafte Systemati-
sierung des Wissens über Bischöfe seit Mitte der 820er Jahre, die es nunmehr ge-
nauer in den Blick zu nehmen gilt.

2. Die Schlüsseltexte
a. Ladwigs »Ordmaho« tw; 823/25
Ludwig der Fromme definierte - wohl im Jahr 825 - in seiner »Ordinatio« die Stel-
lung des Episkopats im Reich und das Verhältnis der Bischöfe zum Kaiser, zu den
Grafen und zu den übrigen Amtsträgern in einer neuartigen Weiset Der Text des

237 HEN, Knowledge 1999.
238 KEEFE, Water 2002,1 (besonders die tabellarische Zusammenstellung in Tabelle 1 nach S. 158).
239 In Fulda beispielsweise hatte Hrabanus Maurus 822 den Abbatiat angetreten, dem ein Abtska-
talog des frühen 10. Jahrhunderts die Anlage einer großen Bibliothek zuschreibt: Gesta abba-
tum Fuldensium, 213: Jccü et tanta hhrorMm M!MÜÜMdinc dÜMMÜ, Mt M?'x düunMemn
^MCMMi. Zwei Fragmente eines Bibliothekskatalogs, die den um die Mitte des 9. Jahrhunderts in
Fulda erreichten Bestand an Kirchenväterschriften immerhin erahnen lassen, sind überliefert:
Es handelt sich um die Handschrift Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 1877, fol. 36'" - 43'''
(ed. ScHRiMPF 1992, 25-47); sowie ein Stück, das nur aus dem Druck bei ScHANNAT 1729, 64f.,
bekannt ist (danach erneut abgedruckt bei ScHRiMPF 1992,58f.).
240 Admonitio ad omnes ordines, Nr. 150, 303-307. Zu dem Text vgl. ANTON, Fürstenspiegel 1968,
198-200, 404-406 und 413-415; FRIED, Herrschaftsverband 1982, 30-32; WERNER, Hludovicus
1990, 87-91; BosHOF, Ludwig 1996,149; KASTEN, Königssöhne 1998,178f., 183-185 und 215. Der
Einschätzung von SucHAN, Kirchenpolitik 2000, 12f., daß Ludwig hier »doch ganz offensicht-
lich und bewußt die [...] Unterscheidung des Papstes Gelasius I. aus dem Jahre 496 von geistli-
cher und weltlicher Gewalt« aufgegriffen habe, kann ich mich nicht anschließen; das von
Suchan ebd. gebrachte Zitat aus dem Papstbrief findet sich in Ludwigs Kapitular eben noch
nicht, sondern erst 829, vgl. unten S. 156 mit Anm. 339. - Ausführlich hat das Kapitular behan-
delt: GuiLLOT, L'exhortation 1983, und DERS., Ordinatio 1990; vgl. außerdem MARGALHAN-FER-
RAT, Concept 1999, 131-133; zur Datierung in die Jahre 823-825 vgl. GuiLLOT, Ordinatio 1990,
461 (aber auch die Argumente bei SiMSON, Jahrbücher 1874, I, 241f., Anm. 12, und WERNER,
 
Annotationen