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Patzold, Steffen
Episcopus: Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts — Mittelalter-Forschungen, Band 25: Ostfildern, 2008

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https://doi.org/10.11588/diglit.34736#0193

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192

IV. Die Zeit zwischen der Reichskrise und dem Ende der Brüderkriege

2. Ludwigs Buße aus Sicht des Abtes Hraban
Nach Ludwigs Absetzung sandte ihm der Fuldaer Abt Hrabanus Maurus ein
Schreiben^. Darin argumentierte der Gelehrte in zwölf Kapiteln, warum Lothars
Vorgehen unrecht sei, ermahnte Ludwig aber zugleich, dennoch gegenüber seinem
Sohn Milde walten zu lassen. Das Schreiben ist nicht datiert: Aus seinem Wortlaut
geht nicht hervor, ob Ludwig zur Zeit der Abfassung noch in der Gewalt seines Soh-
nes war oder sich bereits wieder gegen Lothar durchgesetzt hattet In jedem Falle
aber ist auch dieser Text ein zeitnaher Versuch, das Geschehen vom Oktober 833 zu
interpretieren - nun allerdings aus Sicht eines Anhängers Ludwigs des Frommen".
Ob Hraban bei dem Akt in St-Medard persönlich zugegen war, ist nicht zu klären^.
Das Protokoll, das die anwesenden Bischöfe darüber verfaßt hatten, könnte ihm be-
kannt gewesen sein, aber beweisbar ist auch das nicht.
Hraban hat sein Argument klar gegliedert. Jedes seiner zwölf Kapitel schließt
sich eng an das vorangehende an; und jedes folgt streng demselben Aufbau: Am
Anfang steht - thesenartig - eine knapp formulierte Norm; diese zunächst nur als
gültig postulierte Norm wird dann durch lange Reihen einschlägiger Bibelzitate
und biblischer Exempla aus dem Alten und Neuen Testament bewiesen. Auf diese
Weise legt Hraban zunächst dar, daß Söhne ihre Eltern zu ehren und sich ihnen zu
unterwerfen hätten (c. 1); daß es Gott mißfalle, wenn jemand seine Eltern entehre
(c. 2); daß Söhne ihre Eltern nicht aus ihrem Eigentum vertreiben und ihnen nichts
mit Gewalt nehmen dürften (c. 3); daß Habsucht und Gier bei Gott als verabscheu-
ungswürdig gälten (c. 4); daß Urteile in jeder Hinsicht gerecht sein sollten (c. 5); daß
sie nicht kühn, sondern vorsichtig und maßvoll gefällt werden müßten (c. 6); und
daß diejenigen, die als weltliche Richter Todesurteile verhängten, deshalb nicht
selbst des Mordes geziehen werden dürften (c. 7)U Zwar stellte Hraban bei alledem
nirgendwo explizit einen Bezug zur Absetzung Ludwigs des Frommen im Herbst
833 her, aber sein Adressat, der Kaiser, dürfte die zahlreichen biblischen Exempla
ohne weiteres auf seine eigene Person bezogen haben: Seine Gefangenschaft war
unrecht und vor Gott abscheulich, weil sein Sohn ihn damit aus Habgier entehrt
und seines Eigentums beraubt hatte; sie war unrecht und abscheulich, weil das Ur-
teil gegen ihn ohne Maß war und weil der Vorwurf des Mordes, der diesem Urteil
zugrunde lag, in Ludwigs Fall nicht zutraf.
Damit ließ es Hraban aber nicht bewenden. Bevor er den Kaiser schließlich zur
Milde und Nachsicht gegenüber seinen Gegnern aufrief, setzte sich der Fuldaer Abt
noch in drei Kapiteln mit dem Geschehen in der Kirche von St-Medard auseinan-

39 Hrabanus, Ep. 15,403-415; dazu auch BUND, Thronsturz 1979,4231.; KRÜGER, Herrschaftsnach-
folge 2002,226.
40 SiMSON, Jahrbücher 1876, 80f., Anm. 5, plädiert dafür, das Schreiben noch in die Zeit von Lud-
wigs Gefangenschaft zu datieren; KASTEN, Königssöhne 1998,210, setzt das Schreiben ins Jahr
834, ohne jedoch zu erörtern, ob es aus der Zeit vor Ludwigs Befreiung oder der Zeit danach
stammt.
41 Vgl. zu Hrabans politischer Haltung: SANDMANN, Hraban 1980,149-151.
42 Hrabans sicher belegte Kontakte zu den karolingischen Königen in den 830er Jahren sind zu-
sammengestellt bei SANDMANN, Hraban 1980,150: Demnach hatte Ludwig der Fromme zwar
832 das Kloster Fulda besucht; in Soissons 833 aber ist Hraban nicht nachweisbar.
43 Hraban, Ep. 15, ed. DÜMMLER1899, c. 1-/^ 404-411.
 
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