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Patzold, Steffen; Schneidmüller, Bernd [Bibliogr. antecedent]; Weinfurter, Stefan [Bibliogr. antecedent]
Episcopus: Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts — Mittelalter-Forschungen, Band 25: Ostfildern, 2008

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.34736#0316

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C. Die Kontingenz der Ereignisse und die Vermittlung des Wissens über Bischöfe 315

Mannes offensichtlich tief. 845 zum Erzbischof von Reims erhoben und bis in die
860er Jahre hinein einer der wichtigsten Ratgeber Karls des Kahlen, hat dieser so
wortgewaltige wie schreibwütige Geistliche noch bis wenige Wochen vor seinem
Tod im Dezember 882 wieder und wieder das >Pariser Bischofsmodelh reproduziert
und damit nicht unwesentlich zu dessen Kontinuität und Ausbreitung im Westreich
in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts beigetragen.

C. Die Kontingenz der Ereignisse und die Vermittlung des
Wissens über Bischöfe: Ebos Sturz und seine Folgen als Beispiel

Die Analyse normativer Texte hat es ermöglicht zu beschreiben, in welche geogra-
phischen Räume das einschlägige Wissen ausstrahlte und von welchen sozialen
Gruppen es getragen wurde. Andererseits isoliert eine nach Quellengattungen auf-
gegliederte Analyse den einzelnen Text zwangsläufig von seinem ereignisge-
schichtlichen Zusammenhang - und verdeckt damit, wie sehr die Kontingenz der
Ereignisse zur Ausbreitung des Bischofmodells, zu seiner Verfestigung zu einem
Wissen in den geistlichen und laikalen Führungsschichten des Frankenreichs und
zur Tradition und Aktualisierung dieses Wissens beitrug. Diesen Aspekt möchte
ich nun an einem einzigen - freilich prominenten - Beispiel genauer herausarbei-
ten.
Ludwigs Kirchenbuße von 833, seine Rückkehr ins Amt im Jahr darauf und die
erzwungene Resignation des Erzbischofs Ebo von Reims im Frühjahr 835 waren in
hohem Maße geeignet, das in Paris formulierte Modell vom Zusammenwirken des
Episkopats und des Kaisers anschaulich zu machen. Zahlreiche Große waren an
diesen Akten beteiligt, andere erfuhren durch Erzählungen oder durch schriftliche
Berichte über die Vorgänge. Im vierten Kapitel habe ich dargelegt, wie diese Be-
richterstattung und das Bemühen beider Seiten, ihre je eigene Deutung des Gesche-
henen durchzusetzen, dazu beitrugen, daß sich ein neues Wissen über Bischöfe
ausbilden konnte^. Ebos Fall war nun aber 835 keineswegs abgeschlossen: Er sollte
die Kirchenprovinz Reims, die politische Elite besonders des westfränkischen Rei-
ches und den Heiligen Stuhl noch drei Jahrzehnte lang beschäftigen^; der letzte
Protagonist, der Erzbischof Hinkmar von Reims, starb am 21. Dezember 882^. Ein
gutes Jahrzehnt später, 893 oder 894, wurde Flodoard geboren, der als Kanoniker
und Archivar des Reimser Domkapitels in den Jahren nach 948 eine Geschichte sei-
ner Kirche verfaßte und im Zuge dessen ein weiteres Mal in großer Detailgenauig-

412 Vgl. oben, Kapitel IV S. 186-199.
413 Zu Ebos Werdegang nach 835 und zu seinem kirchenrechtlichen >Nachleben< vgl. ScnRÖRS,
Hinkmar 1884, 27-35, 50-54 und 61-71; HAMPE, Streite 1898; McKEON, Archbishop 1974, 444-
447; FREIHERR SCHENK zu ScHWEiNSBERG, Reims 1971,188-191; ausführlich DEVissE, Hincmar
1975,1, 71-97, und 1976, II, 600-635; außerdem noch: GoETTiNG, Bistum 1984, 67-72; DERS., An-
fänge 1993,263; HARTMANN, Fälschungsverdacht 1988,112-117.
414 ScHiEFFER, Hinkmar 1986,356.
 
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