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VI. Der Episkopat im Spiegel der Historiographie
C. Geschichte aus der Feder eines Erzbischofs: Ados Weltchronik
Weiter südlich im ehemaligen Reich Lothars I., in Vienne, wurde 870 ein Prälat
selbst als Historiograph tätig. Hier schuf der - in Ferrieres ausgebildete - Erzbischof
Ado die zweite Weltchronik der KarolingerzeitW Hatte Frechulf von Lisieux sein
Werk noch als Zögling der Hofkapelle im Auftrag des Kanzlers Helisachar begon-
nen und den zweiten Teil später der Kaiserin Judith als eine Art Fürstenspiegel für
Karl den Kahlen gewidmet^, so fehlen derartig enge Verbindungen zum Hof im
Falle des Bischofs von Vienne. Für den kompilatorischen Teil des Werks, das mit der
Geschichte Adams und Evas einsetzt, stützte sich Ado vor allem auf die Chroniken
Bedas, Isidors und des Orosius. Anders als Frechulf führte er dann aber sein Werk
bis an die eigene Gegenwart heran, auch wenn er die Zeitgeschichte des 9. Jahrhun-
derts nur bemerkenswert knapp behandelte. Im Unterschied zu Regino von Prüm
dehnte er den Geschichtsbericht also nicht aus eigenem Erleben heraus aus, sondern
wahrte gewissermaßen die historischen Proportionen^. Immerhin bietet er für das
9. Jahrhundert eine Reihe von Informationen, die sich in anderen Quellen nicht fin-
den lassen: Von der Zeit Ludwigs des Frommen an ist Ados Darstellung selbstän-
dig^.
Von den bisher analysierten Werken unterscheidet sich die Weltchronik Ados
von Vienne einerseits in ihrem zeitlichen Rahmen, andererseits in ihrer formalen
Anlage. Sie umfaßt - hierin Reginos »Chronicon« gleichend - die Geschichte der
Menschheit seit der Erschaffung der Erde. Anders aber als Regino und anders auch
als die Annalen des 9. Jahrhunderts ordnete Ado seinen Stoff nirgends einzelnen
Jahresberichten zu, sondern gliederte sein Werk nur grob in sechs Bücher, die je-
weils eines der sechs Zeitalter umfassen. Aussagen über Bischöfe finden sich dem-
entsprechend nur im letzten Buch, das der sechsten und letzten aUas, der Zeit seit
Christi Geburt gewidmet ist.
So andersartig nun aber nach Inhalt und Form Ados Weltchronik auch war -
mit den Mainzer, Kölner und Reimser Annalen, aber auch mit den »Gesta episco-
porum« von Le Mans, Auxerre und Verdun verbindet sie das Interesse an der eige-
nen sc&s. Ado nämlich war in seiner Darstellung des Episkopats darauf bedacht,
die Reihe der Bischöfe von Vienne vorzustellen und im historischen Geschehen zu
verorten. Zwar erwähnte er insgesamt Bischöfe von mehr als 50 verschiedenen Bis-
tümern, für Vienne allein aber nannte der Chronist nicht weniger als 48 Oberhirten
namentlich^". Einmal abgesehen vom Sonderfall Roms, bot er zu keiner anderen
456 Für die frühen Teile der Chronik ist noch die Ausgabe: Ado, Weltchronik, ed. MiGNE PL 123,
Sp. 23-138; zu benutzen. Für die Jahre von 814 bis 870 hat PERiz 1829, 320-323, einen besseren,
aber keineswegs befriedigenden Druck vorgelegt.
457 STAUBACH, Tempora 1995,174.
458 WATTENBACH/LEVisoN/LöwE, Geschichtsquellen 1973, 623; GoETZ, Vergangenheitswahrneh-
mung 1999,192.
459 LÖWE, Geschichtsschreibung 1967 14f.; GANSHOF, L'historiographie 1970,663f.; zu Ados Person
vgl. außerdem WESCHE, Ado 1980.
460 Dies sind (jeweils bei ihrer ersten Nennung): Crescens (Ado, Weltchronik, ed. MiGNE PL 123,
lib. VI, Sp. 79 A); Zacharias (Sp. 81 C); Martinus (Sp. 81 D); Verus I. (Sp. 82 A); Justus (Sp. 82 D);
Dionysius (Sp. 84 B); Paracodes (Sp. 85 A); Florentinus (Sp. 86 D); Lupicinus (Sp. 88 B); Simpli-
VI. Der Episkopat im Spiegel der Historiographie
C. Geschichte aus der Feder eines Erzbischofs: Ados Weltchronik
Weiter südlich im ehemaligen Reich Lothars I., in Vienne, wurde 870 ein Prälat
selbst als Historiograph tätig. Hier schuf der - in Ferrieres ausgebildete - Erzbischof
Ado die zweite Weltchronik der KarolingerzeitW Hatte Frechulf von Lisieux sein
Werk noch als Zögling der Hofkapelle im Auftrag des Kanzlers Helisachar begon-
nen und den zweiten Teil später der Kaiserin Judith als eine Art Fürstenspiegel für
Karl den Kahlen gewidmet^, so fehlen derartig enge Verbindungen zum Hof im
Falle des Bischofs von Vienne. Für den kompilatorischen Teil des Werks, das mit der
Geschichte Adams und Evas einsetzt, stützte sich Ado vor allem auf die Chroniken
Bedas, Isidors und des Orosius. Anders als Frechulf führte er dann aber sein Werk
bis an die eigene Gegenwart heran, auch wenn er die Zeitgeschichte des 9. Jahrhun-
derts nur bemerkenswert knapp behandelte. Im Unterschied zu Regino von Prüm
dehnte er den Geschichtsbericht also nicht aus eigenem Erleben heraus aus, sondern
wahrte gewissermaßen die historischen Proportionen^. Immerhin bietet er für das
9. Jahrhundert eine Reihe von Informationen, die sich in anderen Quellen nicht fin-
den lassen: Von der Zeit Ludwigs des Frommen an ist Ados Darstellung selbstän-
dig^.
Von den bisher analysierten Werken unterscheidet sich die Weltchronik Ados
von Vienne einerseits in ihrem zeitlichen Rahmen, andererseits in ihrer formalen
Anlage. Sie umfaßt - hierin Reginos »Chronicon« gleichend - die Geschichte der
Menschheit seit der Erschaffung der Erde. Anders aber als Regino und anders auch
als die Annalen des 9. Jahrhunderts ordnete Ado seinen Stoff nirgends einzelnen
Jahresberichten zu, sondern gliederte sein Werk nur grob in sechs Bücher, die je-
weils eines der sechs Zeitalter umfassen. Aussagen über Bischöfe finden sich dem-
entsprechend nur im letzten Buch, das der sechsten und letzten aUas, der Zeit seit
Christi Geburt gewidmet ist.
So andersartig nun aber nach Inhalt und Form Ados Weltchronik auch war -
mit den Mainzer, Kölner und Reimser Annalen, aber auch mit den »Gesta episco-
porum« von Le Mans, Auxerre und Verdun verbindet sie das Interesse an der eige-
nen sc&s. Ado nämlich war in seiner Darstellung des Episkopats darauf bedacht,
die Reihe der Bischöfe von Vienne vorzustellen und im historischen Geschehen zu
verorten. Zwar erwähnte er insgesamt Bischöfe von mehr als 50 verschiedenen Bis-
tümern, für Vienne allein aber nannte der Chronist nicht weniger als 48 Oberhirten
namentlich^". Einmal abgesehen vom Sonderfall Roms, bot er zu keiner anderen
456 Für die frühen Teile der Chronik ist noch die Ausgabe: Ado, Weltchronik, ed. MiGNE PL 123,
Sp. 23-138; zu benutzen. Für die Jahre von 814 bis 870 hat PERiz 1829, 320-323, einen besseren,
aber keineswegs befriedigenden Druck vorgelegt.
457 STAUBACH, Tempora 1995,174.
458 WATTENBACH/LEVisoN/LöwE, Geschichtsquellen 1973, 623; GoETZ, Vergangenheitswahrneh-
mung 1999,192.
459 LÖWE, Geschichtsschreibung 1967 14f.; GANSHOF, L'historiographie 1970,663f.; zu Ados Person
vgl. außerdem WESCHE, Ado 1980.
460 Dies sind (jeweils bei ihrer ersten Nennung): Crescens (Ado, Weltchronik, ed. MiGNE PL 123,
lib. VI, Sp. 79 A); Zacharias (Sp. 81 C); Martinus (Sp. 81 D); Verus I. (Sp. 82 A); Justus (Sp. 82 D);
Dionysius (Sp. 84 B); Paracodes (Sp. 85 A); Florentinus (Sp. 86 D); Lupicinus (Sp. 88 B); Simpli-



