VIII. Zusammenfassung und Folgerungen
Die jüngere Debatte über die ottonische Reichskirche hat gezeigt, daß nicht erst
Otto I. in den 950er Jahren aut den Plan verfiel, im Kampf gegen den Laienadel den
politischen Einfluß des Episkopats zu stärken. Vielmehr wird Ottos Politik mittler-
weile in der Forschung als Etappe einer längeren Entwicklung betrachtet, die in die
Karolingerzeit zurückreicht. Diesen früheren Wandel in der Stellung der Bischöfe
genauer zu datieren, zu beschreiben und zu erklären (kurzum: die Vorgeschichte
der geistlichen Fürstentümer weiter zu erhellen), war ein Ziel dieses Buches. Dar-
über hinaus sollte, zweitens, die karolingerzeitliche Sicht des Bischofs und seines
Amtes nachgezeichnet und drittens der Stellenwert von Ritualen, öffentlichen In-
szenierungen und symbolischen Akten für diese Sicht ausgelotet werden.
Um diese drei Untersuchungsfelder zusammenzuführen, habe ich neuere An-
sätze in der Geschichtswissenschaft und soziologische Theorien aufgegriffen, die
Macht als etwas betrachten, das einer Person von den übrigen Mitgliedern der Ge-
sellschaft zugeschrieben wird. Die Macht eines Bischofs ist aus dieser Perspektive
nicht eine Eigenschaft dieses Geistlichen, auch nicht eine unmittelbare Konsequenz
seines Amtes oder einzelner Rechte, die ihm urkundlich übereignet worden sind.
Sie ergibt sich aus dem Wissen der Mitlebenden, daß der Bischof zu bestimmten
Handlungen berechtigt oder fähig sei. Durch die Konzentration auf kategoriales
Wissen wird diese Theorie auch für die Geschichtswissenschaft handhabbar: Der
Historiker darf seine Analyse auf diejenigen Kategorien beschränken, die das Wis-
sen strukturierten. Aus diesen Überlegungen heraus, habe ich das Wissen über Bi-
schöfe im Frankenreich des 9. und frühen 10. Jahrhunderts nachgezeichnet. Dabei
war das Augenmerk zugleich darauf gerichtet, wie symbolische Handlungsweisen
und Rituale dieses Wissen beeinflußten und zu seiner Verfestigung und Verbrei-
tung beitrugen.
A. Das Wissen über Bischöfe in der Karolingerzeit
und seine Entwicklung im 9. und früheren 10. Jahrhundert
Als Ausgangspunkt dienten in der vorliegenden Arbeit diejenigen Texte, die aus
dem politischen Tagesgeschäft der Karolingerzeit heraus entstanden sind. Kapitu-
larien und Konzilsakten sind Überreste der Debatten bei Hof und der Diskussionen
auf den Versammlungen von weltlichen und geistlichen Großen des Reiches. Unab-
hängig davon, wieweit die dort formulierten Normen in die Praxis umgesetzt wor-
den sind, lassen diese Texte die Kategorien erkennen, die den Verhandlungen der
Die jüngere Debatte über die ottonische Reichskirche hat gezeigt, daß nicht erst
Otto I. in den 950er Jahren aut den Plan verfiel, im Kampf gegen den Laienadel den
politischen Einfluß des Episkopats zu stärken. Vielmehr wird Ottos Politik mittler-
weile in der Forschung als Etappe einer längeren Entwicklung betrachtet, die in die
Karolingerzeit zurückreicht. Diesen früheren Wandel in der Stellung der Bischöfe
genauer zu datieren, zu beschreiben und zu erklären (kurzum: die Vorgeschichte
der geistlichen Fürstentümer weiter zu erhellen), war ein Ziel dieses Buches. Dar-
über hinaus sollte, zweitens, die karolingerzeitliche Sicht des Bischofs und seines
Amtes nachgezeichnet und drittens der Stellenwert von Ritualen, öffentlichen In-
szenierungen und symbolischen Akten für diese Sicht ausgelotet werden.
Um diese drei Untersuchungsfelder zusammenzuführen, habe ich neuere An-
sätze in der Geschichtswissenschaft und soziologische Theorien aufgegriffen, die
Macht als etwas betrachten, das einer Person von den übrigen Mitgliedern der Ge-
sellschaft zugeschrieben wird. Die Macht eines Bischofs ist aus dieser Perspektive
nicht eine Eigenschaft dieses Geistlichen, auch nicht eine unmittelbare Konsequenz
seines Amtes oder einzelner Rechte, die ihm urkundlich übereignet worden sind.
Sie ergibt sich aus dem Wissen der Mitlebenden, daß der Bischof zu bestimmten
Handlungen berechtigt oder fähig sei. Durch die Konzentration auf kategoriales
Wissen wird diese Theorie auch für die Geschichtswissenschaft handhabbar: Der
Historiker darf seine Analyse auf diejenigen Kategorien beschränken, die das Wis-
sen strukturierten. Aus diesen Überlegungen heraus, habe ich das Wissen über Bi-
schöfe im Frankenreich des 9. und frühen 10. Jahrhunderts nachgezeichnet. Dabei
war das Augenmerk zugleich darauf gerichtet, wie symbolische Handlungsweisen
und Rituale dieses Wissen beeinflußten und zu seiner Verfestigung und Verbrei-
tung beitrugen.
A. Das Wissen über Bischöfe in der Karolingerzeit
und seine Entwicklung im 9. und früheren 10. Jahrhundert
Als Ausgangspunkt dienten in der vorliegenden Arbeit diejenigen Texte, die aus
dem politischen Tagesgeschäft der Karolingerzeit heraus entstanden sind. Kapitu-
larien und Konzilsakten sind Überreste der Debatten bei Hof und der Diskussionen
auf den Versammlungen von weltlichen und geistlichen Großen des Reiches. Unab-
hängig davon, wieweit die dort formulierten Normen in die Praxis umgesetzt wor-
den sind, lassen diese Texte die Kategorien erkennen, die den Verhandlungen der



