Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2.1. »Identität« - ein geeignetes Konzept?

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»Es sind also keine schriftstellerischen manöver«/^ so hielt bereits von
Weech positiv würdigend lest, die Endres Tücher mit seinem »Baumeister-
buch« verfolgte, ganz im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Conrad Celtis: Die
bange Frage, ob die Nürnberger sich ihrer Stadt überhaupt bewusst waren, ob
sie sogar Stolz auf sie und auf sich empfanden, beantwortet er eindeutig. Die
Stadt, so Celtis, lege nämlich größten Wert darauf, dass man ihrer Bevölkerung,
ihrem Reichtum, ihrem handwerklichen Geschick, ihrer Regierung und ihrem
Weltruhm sowohl vor Ort als auch unter Fremden den nötigen Respekt zol-
teü Positiv scheint der Panegyriker Celtis diese Beobachtung allerdings nicht
bewertet zu haben. Scheinbar neutral als Feststellung formuliert fügte er sie
mitten in einen belehrenden Abschnitt über das Faster der Ruhmsucht und des
Neides ein.
In welchen Zeugnissen lässt sich nun die konstatierte gehäufte »Identitäts-
produktion« in der und über die Stadt Nürnberg um 1500 fassen? Die folgen-
den Kapitel versuchen einen Überblick über Genres wie Einzel werke. Zugleich
kämpfen sie - wie bei vielen Bild- und Textquellen zu zeigen sein wird - mit
der Schwierigkeit, dass häufig nur graduell zu entscheiden ist, ob die Quel-
len lediglich das alltägliche Zusammenleben regeln oder ob sie ein explizites
Selbstbild formulieren oder transportieren.

68 Ebd., S. 10.
69 Conrad Celtis, NonmNrga, ed. WERMiNGnoFF, 1921, c. 7, S. 155 (Text nach der zweiten Fassung
aus dem Jahr 1502).
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