Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3.2. Außere Gefahren

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3.2. Äußere Gefahren
3.2.1. Fürstenangst und Städtehass
Das wohl ausdrucksstarkste Bild für die von Feinden umlagerte Stadt Nürn-
berg fand ihr berühmtester Dichter Hans Sachs in zwei aufeinander bezogenen
Meisterliedern: Nürnberg wird darin vorgestellt als /lorfMS condnsus, als ein pa-
radiesischer, durch Mauern geschützter Garten, in dessen Mitte ein Adler seine
Jungen füttert. Sein Nest ist in einen rot-weiß blühenden Rosenbusch gebaut,
die Blüten repräsentieren also die Wappenfarben der Stadt. Der Prosperität
und wohlbehüteten Ordnung, die sich in dieser Allegorie ausdrücken, droht je-
doch Gefahr, wie es in der zweiten Strophe der beiden Meisterlieder heißt. Der
Adler werde immer wieder angegriffen, gierig streichen um den Rosengarten
Falken, Geier, Fledermäuse und Raben, Greifen, Löwen, Bären, Schweine und
Wölfe. Unverblümt gibt das Sprecher-Ich aM/sc/dns über die Bedeutung dieser
Szene. Die feindlichen Vögel und Raubtiere - unter ihnen auffällig viele Wap-
pentiere - stehen für die geistlichen und weltlichen Fürsten und Adligen, die
gegen Nürnberg /uMnzc schmieden. Sie wollen die Stadt in Acht und Bann
bringen und ihr mit Mord und Raub zusetzen. '
Wie zahlreiche im ersten Teil der Arbeit (Kapitel 2) präsentierte Quellen
spiegeln und reflektieren, musste sich die Stadt Nürnberg im 15. und 16. Jahr-
hundert in der Tat gegen verschiedenste Seiten behaupten. Bestätigt wird diese
Feststellung durch das Urteil Gerhard Hirschmanns und Fritz Schnelbögls, de-
nen im Standardwerk zur Nürnberger Geschichte aus dem Jahr 1971 die Auf-
gabe zugefallen war, die politischen Kapitel über die in der Überschrift so ge-
nannte »große Zeit« der Stadt zwischen 1438 und 1555 zu schreiben. Sie füllen
ihre Seiten vor allem mit den diplomatischen Querelen, gewalttätigen Über-
griffen wie militärischen Eskalationen, denen die Stadt ausgesetzt war7 Als
unbestritten mächtigster Gegenspieler der Reichsstadt wurde die Dynastie der
Zollern empfunden. Ungeachtet ihrer noch ganz jungen Territorien als Mark-
grafen von Brandenburg sah sie ihren Herrschaftsmittelpunkt nach wie vor
in den fränkischen Kernlanden des Reichs. Sie trachtete nicht nur ihren Besitz
aggressiv zu arrondieren, sondern beanspruchte auch die politische Vormacht-

1 Hat Sachs dieses Bedrohungsszenario in den nur in einem kleinen Zirkel Gleichgesinnter
handschriftlich kursierenden Meisterliedern noch unverhohlen benannt, so äußerte er sich
in dem auf ihnen beruhenden Lobspruch auf die Stadt Nürnberg, der im Druck verbreitet
werden sollte, nur noch deutlich vorsichtiger mit dem bewusst vagen Hinweis auf Nürnbergs
zahlreiche Feinde und Neider, vgl. Hans Sachs, ioFsprMÜi, ed. HANS SACHS, Bd. 4, S. 195, V. 17-
29.
2 Gerhard Hirschmann, Kap. 20: Zeitalter des Markgrafen Albrecht Achilles, in: Nürnberg - Ge-
schichte einer europäischen Stadt, unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter hg. von GER-
HARD PFEIFFER, München 1971, S. 115-120, und FRiTz ScHNELBÖGL, Kap. 21: Zwischen Zollern
und Wittelsbachern, in: ebd., S. 120-127, bes. S. 121: Weniger hatte Nürnberg zu fürchten von
den Nachbarterritorien der Bischöfe von Bamberg und Eichstätt. Stärker schon war die Stadt
im Osten gefährdet durch die wittelsbachischen Stützpunkte, sie profitierte jedoch davon,
dass die Stoßkraft der östlichen Nachbarn durch die Erbteilungen des Hauses Wittelsbach
und die Uneinigkeit und Feinseligkeit der einzelnen Linien untereinander geschwächt war.
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