Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

Seite: 376
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3. Goldene Zeit oder Krisenzeit?

gewaltig beschwören - von dieser Nachricht elektrisiert: Moesüz pnns, ncc cerhz
md, ncc cczda/Mhzn', / L%d;d% cvs/ün' d vcnLnfc nova - eben noch trauernd, weder
sich selbst noch ihrer Zukunft sicher, so erklärt die offensichtlich als Frau vor-
gestellte Nürnberg-Allegorie, sei sie bei der Ankunft Karls V. vor ungekanntem
Jubel in die Luft gesprungen.'^ Noch deutlicher wird das Bild in den folgenden
Zeilen ausgestaltet: Allein die Hoffnung auf sein Kommen habe ihren zusam-
men gesunkenen Körper aufgerichtet, die Kraft sei in ihre Glieder zurückge-
kehrt. Nun lege sie wieder die festlichen Kleider von früher an, die von Purpur
durchsetzten Gewänder, das Goldnetz im Haar, den Lorbeer auf dem Haupt,
um ihre lange vernachlässigte Schönheit für ihn zu erneuern.^

3.2.4. Orte des Königs - Symbole des Reichs
Angesichts dieser ambivalenten, je situativ geprägten Erfahrungen, die die
Stadt mit ihrem Stadtherrn machte, sollen die folgenden Überlegungen um die
Fragen kreisen, wie sich das in der Forschungsliteratur viel erörterte Verhältnis
zwischen Nürnberg, Kaiser und Reich in der zeitgenössischen Wahrnehmung
um 1500 spiegelte.^" Inwieweit verstand beziehungsweise inszenierte sich
Nürnberg als Königs-, inwieweit als Reichsstadt? Wie Karl-Adolf Knappe in
seinen kunsthistorischen Überlegungen zur reichsstädtischen Ikonologie fest-
stellt, sind in der Stadt trotz erheblicher Verluste im Zweiten Weltkrieg noch
die meisten Monumente für Kaiser und Reich konkret aufzuzeigen.' '' Doch in-
wieweit wurden diese Orte und Symbole im Stadtbild um 1500 auch als solche
reflektiert und beschrieben? Nahm man sie also als Monumente für Kaiser und
Reich bewusst wahr?
Als Sinnbild für den Status als Reichsstadt schlechthin - so ist aus den hu-
manistischen Stadtbeschreibungen unisono abzulesen - galt die Residenz des
Reichsoberhauptes in der Stadt, die %rx oder Alfa Rcgum,
mdt/1% Caosans.'^ Auch im Bild wird dies deutlich: Gelegen auf dem höchsten
Punkt Nürnbergs wurde die Kaiserburg auf den Stadtansichten, die der Tradi-
tion der Vedute in der Schedelschen Weltchronik folgten, noch zusätzlich über-

128 Ebd., V. 197f. Vgl. allgemein zur »ideelle [n] Vermenschlichung der Städte«, die als weibliche
Allegorien imaginiert werden, KLEiNSCHMiDT, 1999, S. 72.
129 Ed. VREDEVELD, 1990, S. 73-101, V. 205-217.
130 Vgl. dazu grundlegend LIESELOTTE E. SAURMA-jELTSCH, Das mittelalterliche Reich in der Reichs-
stadt, in: Heilig - Römisch - Deutsch. Das Reich im mittelalterlichen Europa, hg. von BERND
ScHNEiDMÜLLERund STEFAN WEiNFURTER, Dresden 2006, S. 399-439.
131 Vgl. KARL-ADOLF KNAPPE, »Nostra et sacri Romani imperii civitas«. Zur reichsstädtischen
Ikonologie im Spätmittelalter, in: Der Kunstspiegel 2, 1980, S. 155-172, hier S. 159. S. auch
das Urteil von WERNER GoEz, 1986, S. 11: Sehe man von den frühneuzeitlichen Königs- und
Kaiserresidenzen Wien und Regensburg als Sitz des Immerwährenden Reichstags ab dem
17. Jahrhundert ab, so seien es vor allem die traditionelle Krönungsstadt Aachen, der Ort der
Königswahl Frankfurt am Main und Nürnberg, in denen man sich noch heute an die Kaiser-
herrlichkeit und an das Heilige Römische Reich deutscher Nation erinnert fühle.
132 Conrad Celtis, NoräwNrga, ed. WERMiNGHOFF, 1921, S. 137, und Helius Eobanus Hessus, LüFs
Noriivrga ed. VREDEVELD 1990, S. 183-267, V. 279.
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