Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3. Goldene Zeit oder Krisenzeit?

sollte und konnte? War diese »Leitidentität« wirklich unumstritten oder aber
gibt es zumindest Indizien für eine abweichende Meinungsbildung? Unter die-
sen Fragestellungen soll nun in einem ersten Schritt die Akzeptanz des Nürn-
berger Regiments in der Gesamtgemeinde an den Zeitzeugnissen überprüft
werden. In den weiteren Kapiteln soll dieselbe Frage für den Führungszirkel
des Patriziats gestellt und daher mit Groebner die »Vorstellung von zwangs-
läufigem oder >natürlichen< Interessensidentitäten zwischen Rat und Ratsge-
schlechtern« hinterfragt werdend
Nach der Auskunft des Ratsjuristen Christoph (II.) Scheurl in seiner Epistel
über das Nürnberger Regiment lag die Stadtherrschaft über Nürnberg unan-
gefochten in den Händen eines vergleichsweise kleinen Zirkels, der sich allein
aus alteingesessenen, noblen Geschlechtern rekrutierte. Scheurl begründet die-
ses Prinzip der Ratsfähigkeit als Geburtsprivileg mit dem Gottesgnadentum:
Alles regiment unserer siel nntf gentttwett rtthzos sfeef ln landen der so man gcscldeclz-
ler nennet, das sein nnn soiiede lent, dero anen nnd nranen uor langer zeit der aned im
reginzent gewest nnd nder nns gedersedt daden.^reniddiing so allda eingewnrtzelt nnd
das gemain oöl/dein dat dainen gowtzE; es steet inen aned niedt zn, dieweil aller gewalt
uon gott, nnd das wolregirn gar wenigen nnd allein denen so uon; sedöp/er aller ding
nnd der natnr nn't sonderiieder wepsdait degadet sein oeriiden ist/
Schon Celtis charakterisierte mehr als ein Jahrzehnt vor Scheurl das Nürn-
berger Regiment als Herrschaft von insgesamt 28 Familien, die alle Macht in-
nehätten. Dass alle städtischen Ämter nur von ihnen bekleidet werden könnten
und daher Gesetzgebung und Rechtssprechung allein in ihren Händen liege,
finde man - so urteilt der weitgereiste Celtis - sonst in keiner anderen Stadt. In
der griechischen Antike aber habe man ein solches Regiment als »Aristokratie«
bezeichnet/ Auch ausländischen Besuchern der Stadt fiel diese Besonderheit
der Nürnberger Stadtverfassung ins Auge: Girolamo Faleti, am Hof Karls V. im
Auftrag des Herzogs von Modena und Ferrara, schloss seine Depesche über die
Ankunft des Kaisers 1547 in Nürnberg mit einer Bemerkung über den nMgtsfrtt-
fo der Stadt allgemein, der nach seiner Beobachtung con possttttztt assolMiisswm

6 Ebd., S. 297.
7 Christoph Scheurl, Epistel, ed. CDS 11, XVI, S. 791; lateinische Version des Textes ED. ScHEURL,
1999, S. 29: Omm's nostra PespMNiea uersatMr in man;7;MS PatriciorMW qMorMm sc;7;'cet Proau; ef Zit-
tau; MoD's qMoqMe pro/here. ZUuewae et Plei;e; n;7;;7 possMMt, MeqMe ptei;e;'orMm est regere, qMMW omne
regimeM a Deo s;'t, et i;ene regere paMcis admodMW eoMcessMm, i;;s se;7;'eet qM; genio smgMiar; a SMwmo
rerMW opi/t'ee et MatMra qMoqMe dotat; eoMsp;e;MMtMr.
8 Conrad Celtis, Nor;7wi;erga, ed. WERMiNGHOFF, 1921, S. 182 (diese Passage findet sich erst in der
Fassung von 1502): ZipMd qMos SMwma rerMW et ;mper;;' est, qMod Graee; npurroxparf uoeant,
pMNieosqMe donores ;7t; sot; et wagistratMS a ptei;e et mereator;7;MS separat; oi;eMMt, ;M qMorMW waMdws
ratae leges et SMWWMW ;MS, qMod MMsqMaw ;M at;7s GermaMiae MrMws mueMies, repositMW est. An
dieser Stelle hat Conrad Celtis auch eine Bemerkung über die Nürnberger Stadtgesellschaft
eingeflochten: Sah er sie in seiner ursprünglichen Version von 1495 noch als in zwei Schich-
ten, in die pie?;s und die patres, zerfallen (Conrad Celtis, NorimNrga, ed. WERMiNGHOFF, 1921,
S. 181), so konstatierte er in der Druckversion von 1502 stattdessen drei Gruppen - die pie?;s,
die mereatores und die patres (ebd., S. 181). Diese Dreiteilung wiederum übernahm auch Coch-
laeus in seiner Nürnbergbeschreibung, vgl. Johannes Cochlaeus, Breuls Görmar; ;'c Deser;'pt;'o,
ed. LANGOSCH, 1960, S. 84: An erster Stelle der tres ord;'r;es pop:d; nennt er die patr;'e;7, die die res
p:;M;'oa leiten, an zweiter und dritter Stelle wie auch Celtis die mereatores und die pie?;s.
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