Dendorfer, Jürgen [Oth.]
Das Lehnswesen im Hochmittelalter: Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz — Mittelalter-Forschungen, Band 34: Ostfildern, 2010

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Verwandtschaft, Freundschaft und Vasallität

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unterlag in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, da seine Position die
Grundlagen der nationalen Einheit Frankreichs in Frage zu stellen schien. In einer
Zeit, als der Verlust Elsass-Fothringens die historische Eegitimation dieser
Einheit besonders wichtig erscheinen ließ, wollte man nicht auf eine bis in die
Karolingerzeit hineinreichende Tradition der staatsrechtlichen Einheit des
Königreiches verzichten, denn das Territorium, das die französische Republik für
sich beanspruchte, war ja das Gebiet des Königreichs Frankreich. Selbst
Lemarignier, der nach dem Zweiten Weltkrieg eingehend den »hommage en
marche« (das heißt die vom Vasallen nicht am Hof des Lehnsherrn, sondern an
der Grenze seines Lehens geleistete Huldigung) untersuchte, wagte es nicht, die
These seines Lehrers zu verwerfen, obwohl er sich im Rahmen seiner
Untersuchung auch ausführlich mit dem »hommage de paix« beschäftigt hatte,
das heißt einem homagium, das erkennbar lediglich einen Friedensschluss
bekräftigte, ohne weiter gehende Verpflichtungen zu implizieren1 2.
Wenden wir uns der ersten der genannten Prämissen unseres Hand-
buchwissens über die staatliche Ordnung zu, so wird deutlich, dass wir auch
ohne die Annahme auskommen, das Treueverhältnis zwischen einem Herrscher
und den Großen seines Reiches sei erst durch die Lehnshuldigung zustande
gekommen, es handle sich also um ein konstitutives Element hoch-
mittelalterlicher Staatlichkeit und Herrschaftsausübung. Eine Ablehnung eines
vom Herrscher geforderten Dienstes oder gar eine Fehde gegen den Herrscher
mit der Begründung, das homagium sei noch nicht geleistet worden und deshalb
bestehe keine Verpflichtung zu Dienst und Treue, erscheint in den Quellen
bezeichnenderweise nicht. Allenfalls strafverschärfend konnte das geleistete
homagium bei einer ohnehin auch nach anderen Normen bereits strafbaren Tat
herangezogen werden, so zum Beispiel im Fall der Bestrafung der Mörder Graf
Karls des Guten von Flandern 1127 . Dagegen gibt es durchaus explizite Belege
dafür, dass auch ohne Huldigung ein Herrschaftsträger seinem Amt ent-
sprechend zu behandeln war: Als der junge, bereits zum Mitkönig erhobene
Heinrich I. von Frankreich 1018 Zuflucht in der Normandie suchte, wurde er - so
wenigstens Ordericus Vitalis aus der Rückschau - durch Herzog Robert utpote

1 Jacques Flach, Les origines de l'ancienne France, Paris 1886-1917; Ferdinand Lot, Fidèles où
vassaux? Essai sur la nature juridique du lien qui unissait les grands vassaux à la royauté depuis
le milieu du IXe jusqu'à la fin du Xlle siècle, Paris 1904; Jean François Lemarignier, Recherches
sur l'hommage en marche et les frontières féodales, Lille 1945.
2 Gerd Althoff, Pragmatische Geschichtsschreibung und Krisen. I. Zur Funktion von Brunos
Buch vom Sachsenkrieg. II. Der Mord an Karl dem Guten (1127) und die Werke Galberts von
Brügge und Walters von Thérouanne, in: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erschei-
nungsformen und Entwicklungsstufen, hg. von HAGEN KELLER/KLAUS GRUBMÜLLER/ NIKOLAUS
Staubach, München 1992, S. 95-129. Siehe zu den Vorgängen von 1127 auch den Beitrag von
Philippe Depreux im vorliegenden Band.
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