Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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1. Politische Verflechtungen im spätstaufischen Reich

1.3.2. Eine Datenbank zur Reichsgeschichte des 13. Jahrhunderts (1225 bis 1273)
Um die Netzwerktheorie in der Geschichtsforschung von der Metapher zur Methode
weiterzuentwickeln, sind Fertigkeiten im Umgang mit Datenbanksystemen, mit Software
zur Netzwerkanalyse oder mit einer Programmiersprache unabdingbar.'^' Hier liegt eine
beträchtliche Hürde für die Etablierung entsprechender Methoden in der Geschichtswis-
senschaft, da Geisteswissenschaftler ihre Fachwahl allzu häufig als eine legitime Form
der Flucht vor einer Mathematisierung des Denkens verstehen. Die Möglichkeit, interdis-
ziplinär mit Informatikern zusammenzuarbeiten, mag zwar gewisse Abhilfe schaffen,
stellt aber wegen der Verschiedenartigkeit der Fächerkulturen oft genug nur eine Not-
lösung dar. Dort wo entsprechende Informatikkenntnisse vorhanden sind, sollte man
sich meines Erachtens lieber auf die eigenen Fähigkeiten, eine Forschungsstrategie zu
entwerfen und zu implementieren, verlassen - auch auf die Gefahr hin, „Insellösungen"
zu schaffen -, als sich den Vorgaben von (notgedrungen mit der historischen Materie
nicht vertrauten) Mathematikern oder einer „von der Stange gelieferten" Software zu
unterwerfen. 152 Denn auch mit begrenzten mathematisch-technischen Know-How und
151 Das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und EDV beschäftigt die Historiker, zumindest eine
Minderheit unter ihnen, seit etwa 30 Jahren, ohne dass man freilich von der festen Etablierung
einer entsprechenden historischen Hilfswissenschaft im akademischen Curriculum sprechen
könnte. Zu nennen sind etwa die innovativen Forschungen der Tellenbach-Schule, die in
ihrem prosopographischen Ansatz Nähe zu unserem Thema aufweisen und den EDV-Einsatz
bereits zur zwingenden Voraussetzung hatten, dazu nur etwa GERD ALTHOFF, Zum Einsatz
der elektronischen Datenverarbeitung in der historischen Personenforschung, in: Freiburger
Universitätsblätter 52 (1976), S. 17-32, sowie FRANZ NEisRE, Die Erforschung von Personen
und Personengruppen des Mittelalters mit Hilfe der Elektronischen Datenverarbeitung, in:
KARL FERDINAND WERNER (Hg.), UHistoire medievale et les ordinateurs. Rapports d'une
Table Ronde internationale Paris 1978, München 1981, S. 77-109. Als Lehrbuch ist etwa
KoNRAD H. JARAUSCH / GERHARD ARMiNGER / MANFRED THALLER, Quantitative Methoden
in der Geschichtswissenschaft. Eine Einführung in die Forschung, Datenverarbeitung und
Statistik, Darmstadt 1985, zu nennen; siehe dazu auch die Überblicksdarstellung von MATTHIAS
MEINHARDT, Gezähltes Mittelalter. Quantitative Methoden in der Mediävistik, in: MATTHIAS
MEiNHARDT / ANDREAS RANFT / STEPHAN SELZER (Hgg.), Oldenbourg Geschichte Lehrbuch:
Mittelalter, 2. Aufl., München 2009, S. 321-338.
152 Ein Beispiel dafür, dass die Zusammenarbeit mit Mathematikern und EDV-Experten zu
Forschungsdesigns mit hohem Mathematisierungsgrad führen kann, welche für den „Durch-
schnittshistoriker" nicht mehr kritisch nachvollziehbar sind und damit den Zweck von In-
terdisziplinarität letztlich verfehlen, bieten die methodisch und inhaltlich sehr anregenden,
hinsichtlich der historischen Angemessenheit der Modellbildung aber noch weiter zu disku-
tierenden Studien von Jan Hirschbiegel zum „Gabentausch" im französischen Hochadel im
Spätmittelalter, einem originär netzwerkanalytischen Untersuchungsgegenstand: JAN HiRSCH-
BiEGEL, Etrennes. Untersuchungen zum höfischen Geschenkverkehr im spätmittelalterlichen
Frankreich der Zeit König Karls VI. (1380-1422) (Pariser Historische Studien, 60), München
2003, sowie AMKE CALiEBE / JAN HiRSCHBiEGEL, Philipp der Kühne, Johann Ohnefurcht und
der höfische Geschenkverkehr zum neuen Jahr um 1400, in: WERNER PARAViciNi / BERTRAND
ScHNERB (Hgg.), Paris, capitale des Ducs de Bourgogne (Beihefte der Francia, 64), Ostfildern
2007, S. 219-262. Die Forderung nach Nachvollziehbarkeit mathematisch-statistischer Metho-
den und Modelle und der so erzielten Forschungsergebnisse darf freilich nicht zum Verzicht
auf dieselben führen. Ebenso wenig sind kritikloses Übernehmen, generelles Anzweifeln oder
sogar völliges Ignorieren von auf diese Weise erzielten Forschungsergebnissen angebracht.
Hier müssen sich beide Seiten bewegen - der mathematisch-statistisch arbeitende Forscher,
der den primär historischen Erklärungszweck nicht aus dem Auge verlieren darf, und der
Rezipient, der sich um Verständnis zumindest bemühen sollte.
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