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Dohmen, Linda; Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn [Editor]; Jan Thorbecke Verlag [Editor]; Schneidmüller, Bernd [Bibliogr. antecedent]; Weinfurter, Stefan [Bibliogr. antecedent]
Die Ursache allen Übels: Untersuchungen zu den Unzuchtsvorwürfen gegen die Gemahlinnen der Karolinger — Mittelalter-Forschungen, Band 53: Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag, 2017

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.51256#0065

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A.II. Königliche Ehen im frühen Mittelalter: Ansprüche und Praktiken

Nelson überlegt, ob dessen Töchter in Abwesenheit einer rechtmäßigen Ehefrau
„gewissermaßen als kollektive Königin" fungierten.* * * * * 147
Eng verbunden mit der Frage, ob es mehr als eine Königin zur gleichen Zeit
geben konnte, ist die Frage, was eine Königin zu einer solchen machte. Wie es
offenbar unterschiedliche Vorstellungen davon gab, was eine rechte, vollgültige
Ehe war, muss zunächst auch nicht jede Frau und noch nicht einmal jede Ehefrau
eines Königs als Königin gegolten haben. So berichtet Asser in seiner Vita Alfreds
des Großen im Zusammenhang mit der Heirat der Tochter Karls des Kahlen,
Judith, mit /Ethel wulf von Wessex, „das Volk der Westsachsen" gestatte es an-
sonsten nicht, „dass eine Königin neben dem König sitzt oder auch Königin
genannt wird, sondern Gemahlin des Königs".148 Unabhängig vom sicherlich
polemischen Charakter dieser Nachricht wird deutlich, dass für Asser eine Kö-
nigin eben mehr war als nur die (Ehe-) Frau des Königs.149
Dieser qualitative Unterschied könnte sich nicht nur in ihrem Ansehen bzw.
Status sondern auch konkret in ihrer herrschaftlichen Funktion niedergeschla-
gen haben. Moderne Versuche, weiblicher Teilhaberschaft an oder gar Ausübung
königlicher Herrschaft unter einem Begriff wie ,Königinnentum' - auf Englisch
etwas eleganter, aber nicht weniger konstruiert , queenship' genannt - einen
Namen zu geben, implizieren zudem, dass es kollektive Normen und institu-
tionelle Strukturen gab, die dem Sachverhalt weiblicher Herrschaftsausübung
bzw. -teilhaberschaft über die Einzelperson hinaus allgemeine Gültigkeit gaben.
Während die Merowinger sich ihre Frauen noch aus den Reihen ihrer Be-
diensteten suchten oder politische Bündnisse durch Ehen mit ausländischen
Prinzessinnen schmiedeten, entstammten die Gemahlinnen der Karolinger fast
ausschließlich dem Adel des Reiches.150 Oftmals war es - zumindest bei der

Cumque iam ad viri Dei Imperium regis sermo obtemperaret et se omnibus inlicitis segregare responderet,
meutern Brunichildis aviae, secundae ut erat Zezabelis, antiquus anguis adiit eamque contra virum Dei
stimulatam superbiae aculeo excitat, quia cerneret viro Dei Theudericum oboedire. Verebatur enim, ne si,
abiectis concubinis, reginam aulae praefecisset, dignitates atque honoris suae modum amputasset. VgL
dazu Nelson, Queens, konkret S. 28 f.
147 Nelson, Women, S. 57: „But could we not expect that precisely in those last years when there was
no queen and the turba puellarum functioned, so to speak, like a collective queen [...] that the
influence of Charlemagne's daughters would have become still greater than betöre?". In An-
lehnung an Nelsons Aufsatz Scharer, Charlemagne's daughters, bes. S. 280, der in Bezug auf die
Entscheidung Ludwigs des Frommen, seine Schwestern 814 vom Hof zu verweisen, formuliert:
„[...] there was no room for two queens or more".
148 Asser, De rebus gestis Aelfredi, ed. Stevenson, c. 13, S. 11: Gens namque Occidentalium Saxonum
reginam iuxta regem sedere non patitur, nec etiam reginam appellari, sed regis coniugem, permittit. VgL
dazu etwa Stafford, Sons, S. 83-86; dies., Charles the Bald, S. 144; dies., The King's Wife, bes. S. 3;
Smith, The Earliest Queen-Making Rites, S. 21-27; Nelson, Early Medieval Rites, S. 306 ff.; dies.,
The queen, bes. S. 69-73; Bihrer, Begegnungen, S. 291, in Anm. 1319 auch noch weitere Literatur.
149 VgL Stafford, Queens, S. 129; dies., The King's Wife, S. 3; etwas anders für die konkrete Situation
in Wessex Nelson, The queen, S. 69-73, S. 77.
150 VgL dazu grundlegend Hellmann, Die Heiraten, bes. S. 296-312; Dufour, Le röle, S. 914; vgl. zu
weiteren ,,Projekte[n] von Ausländerehen" auch Konecny, Die Frauen, S. 78 ff. Ausnahmen bil-
den die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius (2. Gern. Karls des Großen) sowie im 10. Jh.
Eadgifu (Tochter Edwards I. von Wessex und 2. Gern. Karls des Einfältigen) und Emma (Tochter
 
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