2. Fall ,Theutberga‘: bestandenes Gottesurteil, ungelöster Konflikt
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Gruppierungen können sicherlich am ehesten als .Gewinner' der Auseinander-
setzung bezeichnet werden, insbesondere im Hinblick darauf, dass ihr Kontra-
hent, König Lothar II., seine Grenzen aufgezeigt bekam. Ob hier tatsächlich die
stärkere Partei obsiegte oder der Zufall - bzw. Gott - das Ordal entschied, muss
letztlich dahingestellt bleiben.73
Der König jedenfalls musste die Gültigkeit der 858 gewählten Konfliktbei-
legung anzweifeln, um sein Ziel, die Trennung von Theutberga, doch noch er-
reichen zu können. Diese konnte damit als offensichtlich gescheitert gelten. Die
Gültigkeit des Gottesurteils negierend setzte Lothar II. nun auf ein Geständnis
Theutbergas, zuerst in mündlicher, dann in schriftlicher Form.74 Dieses hatte die
Angeklagte offenbar 857/858 noch verweigert, gab sich nun aber kooperativ. Der
Papst, Nikolaus L, hingegen, an den Theutberga zwei Jahre später 862 offenbar
nach einer Sinnesänderung appellierte, brandmarkte das Geständnis der An-
geklagten als erpresst.75 Der Konflikt war zwar 858 und dann 860 nach außen hin
beigelegt worden, allerdings stets durch Druck auf die je unterlegene Partei - 858
Lothar, 860 Theutberga - beizugeben, weshalb diese, sobald der Druck sich löste,
der gefundenen Lösung die Zustimmung verweigerte.76 So eskalierte der Kon-
flikt endgültig.
73 Vgl. Colman, Reason, S. 589 f.: „It is very likely that there was much elasticity in their [the trials']
conduct, possibly reflecting the Consensus of opinion as to how severe any particular trial ought
to be, amd probably influenced by the level of populär agitation at the time. The community may
well have played, on occasion, a large part in determining the outcome of an ordeal".
74 Theutbergas schriftliches Geständnis in Hinkmar, De divortio (tomus prolixus, wie oben Anm.
63), ed. Böhringer, S. 121. Nach Schmoeckel, Nicolaus I., S. 58, handelte es sich bei dem Geständnis
um „eine viel wirksamere Methode des Beweises" im Gegensatz zu dem für Lothar II. so un-
liebsam geendeten Gottesurteil.
75 Nikolaus!., Epistolae, ed. Perels, Nr. 11 (Anfang 863: an seine Legaten in Francia), S. 276 ff., S. 277:
Praeterea vos scire volo, quia praefata Theutberga apostolicam sedem bis et ter appellavit et se a praefato
gloriose rege questa est iniustefuisse deiectam et vi coactamfalsum contra se composuisse piaculum. Nam
eo tempore ad apostolicam sedem libellum appellationis suae misit, in quo non quidem adhuc confessam,
sed ut contra sefalsum diceret crimen, cogi sese innotuit, insuper subiungens: 'Quodsi amplius compulsa
fuero, scitote non veritate, sed timore mortis et evadendi Studio, quia aliter non possum, quod voluerint
dicam. Vos tarnen memores estote mei haec vobis insinuantis'; vgl. Schmoeckel, Glaube, S. 294f.;
Patzold, Verhandeln, S. 401 f.; zur ablehnenden Haltung Nikolaus' I. gegenüber Gottesurteilen
vgl. Leitmaier, Die Kirche, S. 76-80.
76 859 könnte Lothar II. durch Einigung mit seinem Bruder Ludwig II. den Druck von der Südfront
seines Reiches nehmen und sich zudem des Problems Hukbert entledigen, vgl. dazu ausführlich
oben Kap. B.II. Daraufhin berief Lothar II. die Aachener Versammlungen. Ende 860 konnte sich
Theutberga dem Zugriff Lothars II. entziehen und ins Reich Karls des Kahlen fliehen, von wo aus
sie ihr Schuldgeständnis wiederrief, vgl. ausführlich oben Kap. B.II.
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Gruppierungen können sicherlich am ehesten als .Gewinner' der Auseinander-
setzung bezeichnet werden, insbesondere im Hinblick darauf, dass ihr Kontra-
hent, König Lothar II., seine Grenzen aufgezeigt bekam. Ob hier tatsächlich die
stärkere Partei obsiegte oder der Zufall - bzw. Gott - das Ordal entschied, muss
letztlich dahingestellt bleiben.73
Der König jedenfalls musste die Gültigkeit der 858 gewählten Konfliktbei-
legung anzweifeln, um sein Ziel, die Trennung von Theutberga, doch noch er-
reichen zu können. Diese konnte damit als offensichtlich gescheitert gelten. Die
Gültigkeit des Gottesurteils negierend setzte Lothar II. nun auf ein Geständnis
Theutbergas, zuerst in mündlicher, dann in schriftlicher Form.74 Dieses hatte die
Angeklagte offenbar 857/858 noch verweigert, gab sich nun aber kooperativ. Der
Papst, Nikolaus L, hingegen, an den Theutberga zwei Jahre später 862 offenbar
nach einer Sinnesänderung appellierte, brandmarkte das Geständnis der An-
geklagten als erpresst.75 Der Konflikt war zwar 858 und dann 860 nach außen hin
beigelegt worden, allerdings stets durch Druck auf die je unterlegene Partei - 858
Lothar, 860 Theutberga - beizugeben, weshalb diese, sobald der Druck sich löste,
der gefundenen Lösung die Zustimmung verweigerte.76 So eskalierte der Kon-
flikt endgültig.
73 Vgl. Colman, Reason, S. 589 f.: „It is very likely that there was much elasticity in their [the trials']
conduct, possibly reflecting the Consensus of opinion as to how severe any particular trial ought
to be, amd probably influenced by the level of populär agitation at the time. The community may
well have played, on occasion, a large part in determining the outcome of an ordeal".
74 Theutbergas schriftliches Geständnis in Hinkmar, De divortio (tomus prolixus, wie oben Anm.
63), ed. Böhringer, S. 121. Nach Schmoeckel, Nicolaus I., S. 58, handelte es sich bei dem Geständnis
um „eine viel wirksamere Methode des Beweises" im Gegensatz zu dem für Lothar II. so un-
liebsam geendeten Gottesurteil.
75 Nikolaus!., Epistolae, ed. Perels, Nr. 11 (Anfang 863: an seine Legaten in Francia), S. 276 ff., S. 277:
Praeterea vos scire volo, quia praefata Theutberga apostolicam sedem bis et ter appellavit et se a praefato
gloriose rege questa est iniustefuisse deiectam et vi coactamfalsum contra se composuisse piaculum. Nam
eo tempore ad apostolicam sedem libellum appellationis suae misit, in quo non quidem adhuc confessam,
sed ut contra sefalsum diceret crimen, cogi sese innotuit, insuper subiungens: 'Quodsi amplius compulsa
fuero, scitote non veritate, sed timore mortis et evadendi Studio, quia aliter non possum, quod voluerint
dicam. Vos tarnen memores estote mei haec vobis insinuantis'; vgl. Schmoeckel, Glaube, S. 294f.;
Patzold, Verhandeln, S. 401 f.; zur ablehnenden Haltung Nikolaus' I. gegenüber Gottesurteilen
vgl. Leitmaier, Die Kirche, S. 76-80.
76 859 könnte Lothar II. durch Einigung mit seinem Bruder Ludwig II. den Druck von der Südfront
seines Reiches nehmen und sich zudem des Problems Hukbert entledigen, vgl. dazu ausführlich
oben Kap. B.II. Daraufhin berief Lothar II. die Aachener Versammlungen. Ende 860 konnte sich
Theutberga dem Zugriff Lothars II. entziehen und ins Reich Karls des Kahlen fliehen, von wo aus
sie ihr Schuldgeständnis wiederrief, vgl. ausführlich oben Kap. B.II.



