Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst — 1920

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MITTEILUNGEN

GESELLSCHAFT FÜR VERVIELFÄLTIGENDE KUNST.
BEILAGE DER „GRAPHISCHEN KÜNSTE".

1920.

WIEN.

Nr. 4.

Studien und Forschungen.

Ouetschzeichnuno-en (Abklatsche) nach Bildern.

Fast alle älteren Sammlungen von Handzeichnungen enthalten einzelne scheinbar in Pinseltechnik ausgeführte
Blätter, die in Kunstkreisen gerade ob ihres äußeren Gepräges bald als Originale, bald als Kopien aufgefaßt wurden, sich
hinsichtlich Zweck und Technik aber lange in ein Dunkel hüllten. So stoßen wir in der großen Uffizienpublikation
(I Disegni III, 2, 7) auf ein Imperial-Folioblatt dieser Gattung, dem sogar trotz seiner auffallend harten Ausdrucksweise
die Ehre widerfuhr, noch 1914 als Originalkarton zu Raffaels Cowper-Madonna veröffentlicht und besprochen zu werden.
Ausgehend von diesem Schulbeispiel fachtechnischer Irrungen, heben wir gleich an erster Stelle hervor, daß wir es
hier mit einer Konturzeichnung in der Größe des Originalgemäldes zu tun haben (61 X43 cm), deren mit dem
Pinsel in blauer Farbe ausgeführte Hauptlinien ein ungleiches, vielfach unterbrochenes und zerquetschtes Aussehen

haben, ringsum gegriffen sind und, was

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für uns von besonderer Wichtigkeit, zum
Bilde gegenseitig erscheinen und so die
Annahme eines Kartons ausschließen.
Schon dieser Umstand allein müßte die
Aufmerksamkeit eines kritischen Heraus-
gebers auf sich gelenkt und den Verdacht
erweckt haben, daß ein derartiges Produkt
nur über dem fertigen Bilde selbst ent-
standen sein könne.1 Dabei ist der Hinter-
grund fast ganz unberücksichtigt geblieben.

Allein wer möchte an den Mißbrauch
eines Originals denken, das zu allen
Zeiten einen ersten Namen trug! Außerdem
glaubte man in den wenigen Kohlestrichen,
die eine flüchtige und grobe Schattierung
andeuten, den ursprünglichen Entwurf zu
sehen, dagegen in den blauen Linien eine
verdeutlichende Hand, dallo stesso Raffaello
o da qualche abilissimo maestro.

Schon aus dem Buche vom Berge Athos
erfahren wir die bereits überlieferte Praxis,
wie man von Gemälden rasch die Haupt-
konturen gewinnen könne, um darnach
bequem Kopien anzufertigen.2 Die Figur

ehem. (Ausschnitt).

1 Der dazugehörige Text bringt verschiedene
Vermutungen, auf die wegen ihrer Unsachhchkeit
nicht eingegangen werden kann.

2 Buch vom Berge Athos, S. 49 (Ausgabe
Schäfer).

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