Michaelis, Adolf
Die archaeologischen Entdeckungen des neunzehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1906

Seite: 6
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6 I. Unsere Antikenkenntnis vor 1800

brandini, Borghese, Ludovisi, Barberini, Pamfili, Ghigi usw. mit
Antiken. Ober welche Einflüsse ein Kardinalnepot verfügte, da-
von gibt Kardinal Ludovico Ludovisi ein erstaunliches Beispiel,
indem er binnen Jahresfrist (1622/23) eine Sammlung von mehr
als 300 Antiken zu bilden wußte — und was für eine Samm-
lung! Vielleicht die vornehmste, die Rom je gesehen hat, die
70 griechische Originalwerke wie den sterbenden Gallier und die zu-
gehörige Galliergruppe umfaßte! Es war schwer, mit den all-
mächtigen Papstfamilien zu wetteifern, und doch gelang es bei-
spielsweise den Giustiniani aus Genua, binnen kurzer Zeit drei
bedeutende Sammlungen anzulegen, in ihrem städtischen Palast
und in ihren beiden Villen am Lateran und vor Porta del Popolo.
Auch gründete Papst Innocenz X., dessen Züge Velasquez in seinem
meisterhaften Bilde festgehalten hat, das neue kapitolinische Mu-
seum, und der gelehrte Jesuitenpater Athanasius Kircher aus Fulda
legte den Grund zu der kostbaren Sammlung italischer Alter-
tümer im Palaste seines Ordens, dem Collegium Romanum.

So hatten sich zwei Jahrhunderte lang ungezählte Antiken
in Rom angesammelt, während von Funden außerhalb Roms
wenig verlautete. Im Gegenteil hatte schon früh Rom begonnen
von seinen Schätzen nach auswärts zu spenden. Venedig, Paris
und Madrid, München und Prag waren in den Besitz römischer
Antiken gelangt; auch hatte Florenz bereits damit begonnen, die
berühmtesten Statuen der Villa Medici an den Arno herüberzuholen.
Aber mit ganz neuem Nachdruck setzte diese zentrifugale Bewegung
im 18. Jahrhundert ein. Die römischen Familien verarmten mehr
und mehr und schätzten die ererbten Antiken als ein Mittel ihre
Finanzen zu verbessern. Die Giustiniani begannen, Chigi und
Albani folgten. Zunächst bildeten die Höfe von Madrid und
Dresden die Käufer, bald aber traten vor allen reiche Engländer
auf den Plan und legten durch Vermittelung von Kunsthändlern
den Grund zu größeren oder kleineren Sammlungen, die auf den
Landsitzen Großbritanniens sich der Kenntnis und Benutzung der
Kunstfreunde entzogen. Andere Schätze folgten ihren Besitzern
ins Ausland, die farnesischen Antiken siedelten nach Neapel, die
Masse der mediceischen nach Florenz über. So ward freilich
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