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70 Werner Giesselmann

ren'. Wie das beigefügte Tableau verdeutlicht, hat sich der Personalbestand im
Laufe der Zeit deutlich erhöht. Waren in den ersten drei Jahrzehnten nie mehr als
drei Professoren gleichzeitig eingestellt, so steigt dieser Wert in den 40er Jahren
auf vier und in den 80er Jahren auf sechs bzw. sieben an - durchaus ein Indiz für
die Prosperität und Expansion unseres Faches. Wie wird man im 19. Jahrhundert
Gescoichtsprofessor in Heidelberg? Dem mit der Reorganisation geprägten Selbst-
verständnis der Ruperto Carola als protestantische, für ganz Deutschland gedachte
Universität entspricht, daß wir unter unseren 29 Persönlichkeiten nur fünf Badener
und ebenfalls fünf Nichtprotestanten finden, unter den letztgenannten mit Koch den
einzigen Angehörigen mosaischen Glaubens, ein, wie sich zeigen wird, bezeich-
nendes Beispiel für die vielfältigen Aufstiegsbarrieren, die sich jüdischen Gelehr-
ten an der deutschen Universität entgegenstellen. Von Graf Dumoulin Bckardt und
Heinrich von Treitschke, Sohn eines geadelten Offiziers, abgesehen, entstammen
unsere Professoren dem Bürgertum. Allerdings kann von einer Selbstrekrutierung
der bürgerlichen Bildungselite bei dem hier untersuchten Personenkreis nur sehr
begrenzt die Rede sein. Lediglich die Hälfte der Väter wirkt in typischen Bildungs-
berufen, unter ihnen mit dem Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy eine der
Berühmtheiten der ersten Jahrhunderthälfte. In zwei Fällen - Geizer und Wage-
mann - amtieren die Väter selbst als Universitätsprofessoren, wobei ersterer eben-
falls als Historiker in Berlin lehrt Das protestantische Pfarrhaus, einst typische
Pflanzschule der Aufklärungselite, stellt mit Häusser, Kortüm und Hagen nur noch
drei Vertreter. Statt dessen verlagern sich die Herkunftsmilieus im Laufe des Jahr-
hunderts zunehmend zu den Wirtschaftsberufen von Handel, Finanz, Gewerbe und
Landwirtschaft. Auch wenn Cartellieri, Gaedeke und Scherrer das Großbürgertum
repräsentieren und Wilken, Schlosser und vor allem Schäfer, drittes Kind eines
Bremer Hafenarbeiters, in großer Armut aufwachsen, scheint das Gros doch den
mittleren Einkommens- und Vermögensschichten zu entstammen.

Blickt man auf den Ausbildungsgang bis zur Habilitation, dann ist es zunächst
keinesfalls selbstverständlich, daß unsere Historiker das Fach Geschichte studiert
haben, sondern es kann sich auch um Philologie, Altertumswissenschaft oder
Theologie handeln. Erstere behauptet sich auch später als das wichtigste Beifach
beim Geschichtsstudium, alles Hinweise auf den geistesgeschichfüchen Kontext, in
dem sich die Herausdifferenzierung unseres Faches vollzieht. Drei Viertel der Pro-
fessoren haben nicht nur an einer einzigen, sondern an zwei, drei oder gar vier
Universitäten studiert, eine im Vergleich zur erzwungenen Seßhaftigkeit heutiger
Studenten hohe regionale Mobilität, wobei die Studienortpräferenzen zunächst bei
Göttingen, dann bei Berlin liegen, den Modelluniversitäten des ausgehenden 18.
und frühen 19. Jahrhunderts.

1 Vgl. Wolgast. E.: Die Uoiversität Heidelberg 1386-1986. Berlin/Heidelberg 1986 - Ders.:
Politische Geschichtsschreibung in Heidelberg. Schlosser, Gervinus, Häusser, Treitschke.
In: Semper apertus. 600 Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386-1986. Hg. v.
W. Doerr. 6 Bde. Berlin/Heidelberg 1985. Bd. n, S. 158 ff. - Conze, W./Mußgnug, D.: Das
Historische Seminar. In: Heidelberger Jahrbücher. Bd. 23 (1979) S. 133 ff. - Drüll, D-:
Heidelberger Gelehrteolexikon 1803-1932. Berlin/Heidelberg 1986.
 
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