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92 Werner Giesselm an n

stens teilweise auch auf den ethischen Relativismus der deutschen Eliten, von der
Notwendigkeit eines entschiedenen humanitären Engagements in der Art Schlos-
sers überzeugt.

Nicht durch ihre Parteilichkeit als solche, sondern durch deren politisch-soziale
Inhalte bereiten uns die Vorgänger Probleme. Gewiß bieten die offensive Phase der
Heidelberger Schule, ihr vormärzlicher Liberalismus und besonders die in der Re-
volution vollzogene radikaldemokratische Wende eines Gervinus oder Hagen
Raum für Identifikationen, aber um so größer ist die Distanz zu den Orientierungen
Treitschkes und seiner Nachfolger, die im diametralen Gegensatz zu unserem heu-
tigen Wert- und Verfassungskonsens stehen. Zwar haben auch die Historiker
Treitschkescher Prägung ein Anrecht auf unser einfühlend-nachvollziehendes Ver-
stehen, das sie als Geschöpfe ihrer Zeit oder, richtiger, der dominierenden Tenden-
zen ihrer Zeit, erfaßt Doch verbietet sich eine ausschließlich historisierende und
damit relativierende Betrachtung, da die von ihnen geprägten Bewußtseinslagen in
unserer Zunft und politischen Kultur noch immer fortwirken. Neu zu beginnen,
hieß nach 1945 auch, den Treitschke in uns zu überwinden, und dies ist, wie die
neuere Studie Winfried Schutzes unterstreicht, zunächst nur sehr unvollständig
gelungen.7'

Was nun die zentrale gemeinsame Botschaft, man muß schon sagen, die wahre
Obsession, unserer Geschichtsprediger anbetrifft, nämlich die Idee des National-
staats, so haben die mit ihr verbundenen Katastrophen unseres Jahrhunderts eine
tiefgreifende Ernüchterung und Umorientiening nach sich gezogen. Ihre Idee ist in
Deutschland gescheitert oder wurde zumindest zugunsten höherer Prioritäten auf
den Rang eines Sekundärzieles reduziert, so daß die Intensität ihres Nationalge-
fühls heute ein gefährlicher Anachronismus wäre.

Angesichts dieser Bilanz wird eine moderne, methodenbewußte Geschichts-
wissenschaft, betrieben in kritisch-aufklärerischer, humanitärer und kosmopoliti-
scher Absicht, ihr Selbstverständnis, trotz einiger konstruktiver Anknüpfungspunk-
te bei Schlosser, Gervinus und Hagen, überwiegend in der Negation der von unse-
ren Historikern des 19. Jahrhunderts vertretenen Positionen definieren müssen.
Diese Distanz ist angesichts des zeitlichen Abstandes, der seitdem vollzogenen
Veränderungen im historischen Bewußtsein und Wissenschaftsverständnis sicher
nicht überraschend und schmälert keinesfalls das Interesse, das unsere Vorgänger
in historiographie-geschichüicher Perspektive verdienen. Sie repräsentieren ein fas-
zinierendes Kapitel Heidelberger Universitätsgeschichte und leisten aufgrund ihrer
großen überregionalen Ausstrahlung und Resonanz einen wesentlichen Beitrag zur
Herausbildung der deutschen Geschichtswissenschaft. Und mehr noch: wegen ihrer
wissenscnafUichen Reputation und ihres engagierten Öffentlichen Wirkens erheben
sie zeitweilig die Heidelberger Geschichtswissenschaft in den Rang einer „politi-
schen Macht" in Deutschland.72

'Schulze, W.: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München 1989. Kap.13 pas-

sirjL
2Wolgast(i985),S.181.
 
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