Migge, Leberecht
Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts — Jena, 1913

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I. GARTENGEGENWART IN DER GE-
SCHICHTE

Wenn in den vielen Lehrbüchern der schönen Gartenkunst von
der Beziehung der Gärten zu ihren Völkern, von Garten-
geschichte gesprochen wird, so geschieht es immer nur im Hinweis
auf das Aussehen, auf die Form der Gärten. Welche Faktoren es
wesentlich waren, die sie schufen und erhielten, davon hören wir da-
gegen nur selten.

Uns aber, die wir neue Gärten bilden wollen, uns kann der Stil der
alten dazu direkt wenig nützen. Wir wollen ja nicht nachahmen, weil
wir wissen, daß das zu nichts Ganzem führt. Vielmehr wir wollen,
daß eine neue Gartenblüte, diejenige unserer Zeit, sich organisch an-
bahne. Form ist ja immer das Ende. Für uns kommt es augenblick-
lich mehr darauf an, wie die Gärten der Alten entstanden und wer sie
benutzte.

Achten wir einmal auf die Namen, wie sie so auftauchen, wenn wir
Gartengeschichte studieren.

Im Schi-king erzählt uns ein Gedicht von einem Kaiser von China,
wie er in seinen ausgedehnten Gartenanlagen lustwandelt: „Der mäch-
tige Fürst Wen-Wang im Waldgebirg Lin- Yo“ — Gärten der Sage.

Sagenhaft wie diese sind auch die „hängenden Gärten der Semira-
mis“, sagenhaft und mythisch ja auch die Gärten der Hesperiden.

Steckt schon in Mythen und Sagen fast immer ein w’ahrer Kern, so
treten wir noch mehr auf geschichtlichen Boden, wenn wir von den
berühmten Gärten der Perser hören. Darios ist durch seine sogenannten
„Paradiese“, große mannigfaltige Baumpflanzungen in öden Gegen-
den, vorteilhafter bekannt als durch seine Kriege.

Im alten maurischen Granada weben noch heute die blumigen Ruinen
der Gartenhöfe in der Alhambra zauberische Erinnerungen, und Bemal
Diaz del Castillo, der Konquistador, berichtet begeistert von den prun-
kenden Gärten des Herrschers Montezuma von Mexico.

Im alten Rom war es die herrschende Klasse der Patrizier, die sich
kostspielige Landsitze an den Hängen des Apenin leistete. Plinius,
der berühmte Geschichtsschreiber, erläutert in einem Briefe seinem
Freunde umständlich seinen eigenen, raffiniert eingerichteten Garten.

I M i g g e , Gartenkultur

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