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— 19 -

m Slein cmsgehauen. Auch das Jnnere der Hof-
kirche läßt sich wohl sehen. Bei derselben geht es
in den großen Schloßkeller, der mit seinem hohen Ge-
wölbe selbst einer Kirche gleichet. Darinn lieget
das große Faß und andere ungemeine Fässer, mit
einer unglaublichen Menge Wein's angefüllt*).

Als der Herzog von Neuburg rn Heidelberg
mit Churpfalz die Erbverbrüderung bekräftigte, ließ
der Churfürst in das große Faß, das damals leer
war, die Trompeter und Pauker setzten, und hielt
oben auf der Gallerie Tafel. Da nun die hohen
Personen speiscten, mußten sich plötzlich die Trom-
peter und Pauker hören lassen, woraus die hoch-
fürstliche Gesellschaft sonderliches Vergnügen schöpfte.

An selbiger Ecke gegen die Stadt stehet der dicke
Thurm, und auf demselben ist das Theatrum, wo
die Comödien gespielet werden. Jnwendig ist der
Platz des Thurmes dergestalt weitläuftig, daß über
hundert Tische bequem dargesetzet werden können.
Einstmals ließ daselbst der Churfürst die verkehrte
Welt prüsentiren. Die Hirsche jagten die Jäger,
die Wciber schlugen die Männer, die Schüler ca-
stigirten die Präceptores, die Pserde ritten auf Men-
schen und so fort. Während des Ballets fiel aber
von einer Lampe ein Funke in eines Pferdes Haare,
von Hanf gemacht und zündete dasselte an. Da
man auf den Thurm nur durch eine enge Schnscken-
treppe steiget, so entstand ein gewaltiger Lärm unter
den Zuschauern, und Alles drängte, ohne Rücksicht
auf den Rus des Churfürsten, der zuerst hinaus
wollte, nach der Thüre, und suchte sich zu salviren.

Zum Elück unterdrückte man noch zeitig das Feuer
durch Auflegung von Kleiderwerk; wegen der Höhe
des Thurmsaales aber, und der hohen Fenster da-
rin, konnte der Rauch Niemanden schaden.

. Nächst dem Schlosse präsentiret sich sonderlich
der churfürstliche Lustgarten mit seinen beiden, in
den Berg gehauenen Grotten, und den schönen Wasser-
künsten, die aber nur zur Hälfte im Gang sind.

Der Herr Churfürst Carolus Ludovicus führte
zwar keinen großen Hofstaat, aber die schöne Ord-
nung und die wohlmontirtcn Diener machten den-
selben sattsam ansehnlich. Herr Gras von Wittgen-
stein war Großhofmeister, Herr von Laudas Ober-
hofmarschall, Herr de la Motte Oberstallmeister, Herr
Baron von Croneck, Oberkammerherr, Herr von Bern-
stein Stätler, Herr von Stubenvoll Haushofmeistcr,
und Herr Oberst-Leutnant Clas Commandant der
Leibwache zu Roß. Außerdem hielt der Churfürst
eine sehr schöne Leibwache zu Fuß, bestehend aus
Schweizertrabanten, welche mit langen Partisanen zu
den Seiten der churfürstlichen Kutsche gingen, wäh-
rend die Garde zu Roß ihr nachfolgte. Ferner
hielt der Churfürst acht adelige Jäger, welche Herr
von Holzhausen als Jägermeister commandirte, zwölf

*) Das große Faß allein faßt 250 Fuder, oder
283000 Flaschen Wein

Trompeter und einen Pauker, anderer Hofdiener
nicht zu gedenken. Unter denselben mußte alles still
hergehen; und zumal mußte sich jeder in Acht neh-
men, daß er nicht aus der Schule schwatzte, denn
der Churfürst lebte nicht mit seiner ehelichen Ge-.
mahlin sondern mit der Degenfeldin, während die
Churfürstin selbst am Hof zu Kassel zubrachte. Als
dieselbe dahingezogen war, ließ der Churfürst ihre
Zimmer gänzlich ruiniren und die Fenster, Thüren,
Oefen, Tapezereien, selbst die Dielen der Fußböden
zum Zeichen seines Zornes ausreißen. Die Degen-
feldin aber ward Jhr Gnaden genannt, und flat-
tirlen ihr die Hosleute gewaltiglich. Die Degenfeldin
war lutherischer Religion, und hatte in der luthe-
rischen Hcmptkirche, zur Providenz genannt, ihren
eigenen Stand, wohin sie sich sonntäglich unter Be-
gleitung der Leibtrabanten begab. An ihr hatten
übrigens die Lutheraner einc starke Stütze, und
mehrten sich unter ihrem Schutz zusehends.

Nächst hinter dem Schlosse ist ein hoher Berg,
der Königsstuhl genannt. *) Eines Tagcs besuchte
ich denselben mit zweien Begleitern. Oben auf der
Spitze wurden wir aber plötzlich von einer solchen
Furcht befallen, daß wir uns eilends, nicht wissend
wie, dieser Einsamkeit entrissen. Unten am Berg ist
der gerühmte Wolfsbrunn, von dcm die Heidelberger
viel sabuliren. Diese Gsgend ist überhaupt sehr
lustig, wegen der tiefen Thäler und dabei besind-
lichen Forellenweiher. Jch besuchte daselbst die Höhls,
worinnen die sibyllische Wahrsagerin Jetta gewohnt
haben soll. Wir gingen zu derselben mit brennen-
den Fackeln durch einen langen unterirdischen Gang.
Wie groß aber mein Verlangen gewescn, sie zu
sehen, desto mehr eilte ich wieder heraus, dem bösen
Gestank, Schlangen und anderem Ungeziefer zu ent-
fliehen.

Heidelberg selbst.ist eine alte unförmliche Stadt,
aus lauter hölzernen Häusern bestehend. Die Haupt-
kirche zum heiligen Geist ist mit einem hohen Thurm
versehen, denselben bestiegen 1664, als der große
Komet erschien, viele Studenten. Ein polnischer
Edclmann Namens Paulus Vinisky, stürzte von der
Gallerie, welche ohne Trallien war, und würde
hinuntergesallen sein, wenn ich ihn nicht am Rock
ergriffen und zurückgezogen hätte. Das oberwähnte
Collegium saxisvtias ist vormals ein Augustiner-
kloster gewesen, und von vr. Luther vor seiner Be-
kehrung bewohnt worden. Die Stadt wird von der
Vorstadt durch einen trockenen aber überbrückten Gra-
ben getrennt. Jn demselben werden Bären gehalten,
auch manchmal gehetzet. Die Vorstadt hat viele
schöne Gebäude auch mehrere Kirchen. Der Marstall
mit seinen hohen Pfeilern und schönen Springbrunnen
ist ein wahrhaft königliches Gebäude; gleicherweise
fallen das Gießhaus, das Ballhaus, das Schieß-

*) Damals hieß jene Anhöhe noch der Kömgsstuhl;
wird aber seit Kaiser Franz II. sie bestiegen, „Kaiserstuhl"
genannt.
 
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