Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 9.1910

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IX MODERNE BAUFORMENl «

ARCHITEKT DR. SCHULZE-KOLBITZ-BERLIN

LANDHAUS RIECKEN IN STEGLITZ-BERLIN

Liebenswürdig mutet in seiner Schlichtheit
das Landhaus Riecken in Steglitz an. Die
hohen Bäume, die gut verteilten Rasenplätze,
der klassizistisch gehaltene Vogelbrunnen, stehen
so lebendig vor dem einfachen Hintergrund,
den die Hauswände und das rote Dach bilden,
dass man von einem Meisterwerk sprechen
möchte, das aus dem Selbstzwange überlegter
Beschränkung herausgeboren worden ist. V
V Ohne zum Allerweltshilfsmittel Symmetrie
zu greifen, hat uns Schulze-Kolbitz in seinem
Häuschen doch ein Ganzes und Geschlossenes
geben können : Das grosse Hauptdach beherrscht
die ganze Gruppe und kündet weithin an, dass
darunter die Haupträume liegen: das ausser-
ordentlich gross bemessene (5,50 X 9,70) Wohn-
zimmer und das Speisezimmer mit der Veranda.
Eingang und Treppe mit Garderobe und An-
richte legen sich seitlich daran und bereiten
den zweiten Teil des Hauses vor, der mit einem
eigenen, kleineren Dach sich dem Grossen unter-
ordnet und Küche und Speisekammer enthält.
Die Fenster sitzen da, wo sie sitzen sollen; der
kleine Erker seitlich, der geschwungene Vorbau
an der Rückfront, endlich die Halle vor der
Küche beleben im Vereine mit den warmbraun

gehaltenen Fensterläden die Hauswände, nicht
aufdringlich, aber doch so, dass alle Kahlheit
verschwindet. V

V Grosse Sorgfalt ist der Gartenanlage zuge-

wendet worden. Im Lageplan sehen wir, wie
„eingeschlossen“ im ganzen Eigentum das
Haus steht; die grosse Wiese davor, die sich
von der Strasse nach dem Grundstück zu senkt,
gibt eine Art grünen Aufstand oder Sockel für
das Gebäude, das vor den Baumgruppen des
Hintergrundes sich in scharfem Umriss abhebt;
Gemüse- und Blumenhof, Hühner- und Wirt-
schaftshof und der oben erwähnte Vogelbrunnen
im Rasenviereck bilden den Garten hinter dem
Hause. v

V Das Alles ist so einfach und fast selbst-

verständlich, dass schwer zu sagen ist, wo da
der „Nutzbau“ aufhört und der „Schmuckbau“
beginnt. Bei vielem in der Anlage mag wohl
die Natur mitgeholfen haben, oder besser die
Ueberlegung, wie die vorhandene Natur für das
Haus verwendet werden könnte — und zuletzt
vielleicht auch das Geschick, Unnötiges weg-
zulassen. Darin liegt meines Erachtens über-
haupt das Geheimnis des neuzeitlichen Wohn-
hausbaues. Kl.

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