RICHARD BERNDL
von Dr. PHILIPP MARIA HALM, München
Als ich vor Jahren in dieser Zeitschrift Richard
Berndls künstlerische Persönlichkeitzu zeichnen
versuchte, glaubte ich, abgesehen von der Viel-
seitigkeit dieses reichen Talentes, den hohen Ernst
und die strenge Wahrhaftigkeit seiner Kunst hervor-
heben zu müssen. Ich erblickte in frühen Haupt-
schöpfungen Berndls, wie in dem monumentalen
vielversprechenden Erstlingswerk des Mausoleums
für den Grafen Andrassy in Kraszno-Horka Varalja
in Ungarn, in dem ebenso raffiniert praktischen als
künstlerisch feindurchdachten Umbau des Hotels
Union in München, zumal des Festsaals, und selbst in
den anspruchslos in die Landschaft gestellten Land-
häusern, Aeusserungen einer Art unverfälschter, aus
sich selbst heraus schaffender Naturkraft, die einzig
auf sich vertraut und, unbeirrt um das Auf und Ab
künstlerischer Strömungen, ruhig ihre eigenen und
eigensten Ideen in sichtbare Formen zu gestalten
sich müht. Wenn mir heute eine neue Lese Berndl-
scher Werke einzuleiten anvertraut war,so unterziehe
ich mich um so lieber dieser genussreichen Aufgabe,
als ich einesteils die Richtigkeit meiner Anschauung
auch in den neueren Schöpfungen des Künstlers
bestätigt finde, anderenteils aber gerade seine hohe
Künstlerschaft an neuen, ihm ungewohnten Aufgaben
glänzend erprobt sehe. Man gewinnt aufs neue den
Eindruck einer absolut sicheren, in sich gefestigten
künstlerischen Persönlichkeit und einer ausge-
sprochenen Individualität. V
V Dieser künstlerische Individualismus aber lässt
sich nicht, wie so oft bei alten oder noch mehr bei
jüngeren Baukünstlern, an einzelnen Zierformen oder
sonstigen, stets wiederkehrenden Gepflogenheiten
ablesen, sondern will vor allem in der grosszügigen
Bewältigung der jeweiligen Aufgabe erkannt sein.
Berndl ist ein Meister räumlicher Disposition; das
mussten wir bereits seinem Hotel Union nachrühmen.
Mir will es scheinen, dass er gerade unter dem
Einfluss begrenzter Bewegungsfreiheit, wie sie in
dem geschmacklosen alten Festsaal des Union-Hotel
und in dem unbedingt zu erhaltenden alten Bau des
Hauses Dr. Huber zu Kempten gegeben war, zu
diesen meisterhaften Lösungen kam. Was andern
zum Verhängnis hätte werden können, wird ihm zum
Ausgangspunkt reizvollster Bauideen. Wer ahnt es,
dass die Loggia der Eingangsseite oder der Rund-
turm des Hauses Huber in letzter Linie nur solchen
Erwägungen und Bedingungen entsprangen. V
V Nicht zum wenigsten dieser eminenten Anpas-
sungsfähigkeit an Bestehendes war es vor allem zu
danken, dass Berndl bei der Internationalen Kon-
kurrenz um das Mozarteum in Salzburg als erster
Sieger hervorging. Ein architektonisch durchaus
unbedeutender Bau, die Villa Lasser, musste in die
neue Anlage einbezogen werden. Wie aus einem
Guss repräsentiert sich in dem Entwurf der neue
Bau, der Musikschule, Festbau, Saal, Uebungszim-
mer usw. vereinigt und der gerade durch seine feine
Aussenarchitektur, durch seine Lage in dem reizen-
den Park ein stimmungsvoller Hintergrund für Feste
im Freien zu werden verspricht. Ohne direkte
Anlehnung an die alte Salzburger Bauweise klingt
dennoch der alte Geist durch. Der Titel des Ge-
bäudes und seine Bestimmung sprechen unmittelbar
aus dieser glänzenden Lösungder baulichen Aufgabe.
V Mächtiger noch holte die Phantasie seines
Schöpfergeistes aus, als Berndl daranging, die alte
Abtei- und Universitätskirche Säo Bento in Säo Paulo
in Brasilien, einen portugiesischen Barockbau, in
eine neue gewaltige Kathedrale einzubeziehen.
Wuchtig, im Sinne jener burgundischen Monumen-
talbauten aus der glühenden Jugendzeit des Bene-
diktinerordens, türmt sich der Riesenbau empor,
aber er bleibt frei von jeder saftlosen Nachbildung
jener Bauten im Detail. Kaum mehr als die Sil-
houette weckt den Vergleich mit den romanischen
Bauten. Aufbau, Gliederung, Belebung der Massen,
Dekor sind neu und eigenartig, muten aber dennoch
in ihrer Gesetzmässigkeit und Selbstverständlich-
keit wie etwas Altgewohntes und Vertrautes an.
V Für Berndl bedeutet das künstlerische Erbe einer
vergangenen Epoche, wie wir das auch hier sahen,
niemals eine billige Quelle, aus der der Geistesmüde
und -arme nur „neue Ideen“ zu schöpfen braucht,
d. h. sich die alte Formenwelt zu eigen macht; viel-
mehr ist es ihm, als Ganzes genommen wie in seinen
einzelnen Ausdrucksformen, nur Mittel zum Zweck.
Das absolut sichere Empfinden für die Funktion der
einzelnen Bauglieder, für ihre Wechselwirkungen
und für ihre ästhetische Bedeutung weiss aus ihnen
neue ungeahnte Möglichkeiten und Kombinationen
herauszuholen, die den lediglich historisch Denken-
den und aufs Alte Eingeschworenen wenig behagen
mögen, dem lichten Auges Schauenden und vorwärts
Drängenden aber morgenfrisch, lebenslustig und
lebenskräftig anmuten. Da ist z. B. höchst amüsant
zu sehen, wie sich Berndl Reminiszenzen an die
fränkische Barockkunst, etwa an Balthasar Neumanns
Bauten, in seinem Projekt der katholischen Kirche
für Uerdingen a. Rh. zurechtlegt. Das Querhaus der
Kirche entwickelt an Stelle des Daches eine impo-
sante Terrasse, die sich mit den originellen Zwillings-
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