PROFESSOR WILHELM KREIS-DÜSSELDORF
Von Dr. Richard KLAPHECK, Düsseldorf
Der Bau der Emscher-Genossenschaft zu Essen,
die erste Arbeit von Wilhelm Kreis, seit seiner
Berufung nach Düsseldorf, ist ein Wahrzeichen der
Stadt Essen und auch des Industrielandes geworden,
ein neuer Bautypus eines industriellen Verwaltungs-
gebäudes. V
V Wie waren denn bisher die monumentalen Ver-
waltungsgebäude der Industrie? Italienische Paläste
oder deutsche Renaissance-Rathäuser, wenn nicht
spätgotische mit Schiesscharten. Süddeutsche Ar-
chitekten liebten auch wohl mit roten Ziegeldächern
und weiss verputzten Wänden ein malerisches
Stimmungsbild aus ihrer luftklaren Heimat unter den
von Kohlenrauch und Wasserdunst geschwängerten
Industriehimmel des Ruhrtals zu verpflanzen. Aber
das grüne Gewand der landschaftlichen Umgebung
in Süddeutschland liess sich nicht in das schwarze
Land der Zechen und Hüttenwerke übertragen, wo
das geringe Grün unter den Rauch- und Säuredünsten
nur krampfhaft ein gequältes Dasein lebte. Man
führte unter dem grauen Industriehimmel ein male-
risches Idyll auf, das aber nach Wald- und Wiesen-
land,alseiner luftigen farbenfrohen Einrahmung, ver-
langte. Man hat die ernste, arbeitsfrohe Industrie als
einen heiteren, farbenlustigen Gesellen genommen.
Das aber hat dem Land bisher das unerfreuliche Ge-
sicht gegeben: Kohlenrauch und Wasserdunst haben
die roten Ziegeldächer, die grünen Schlagläden und
verputzten Wände mit einer Schmutzkruste über-
deckt, die fort zu waschen schon nach einjähriger
Lebensdauer eines Bauwerkes die wahre Mohren-
wäsche ist. V
V Die alte landschaftliche Schönheit im Ruhr-
kohlengebiet ist zum grössten Teil dahin. Aber
an deren Stelle ist eine Schönheit erstanden, die
weit berauschender und eindrucksvoller ist. Gibt
es wohl etwas Packenderes, als eine Nachtfahrt
durch das Land? Im Rheinstrom spiegeln sich die
neuen Dome und Burgen wider, monumentale
Hüttenwerke und die Feuergarben der Hochöfen,
die sich mit ihrem Widerschein im Wasser zu
einem eindrucksvollen, malerischen Bild zusammen-
schliessen. Lichterloh ist der Himmel über dem
ganzen Lande gefärbt, nur von Rauchgarben, die
die Schlote schweratmend ausfauchen, durchzogen,
während der Lärm der Hämmerwerke mit macht-
vollen Akkorden einfällt wie von den Jubelgesängen
eines sieghaften Volkes. V
V Die Baukunst, die sonst doch ihre Formen aus
dem landschaftlichen Rahmen entwickelt, hat diese
heroische neue Schönheit, die landschaftliche Ton-
art und Eigenart der Industrie lange nicht erkannt
aus Gründen, die in der geistigen Entwicklung des
19. Jahrhunderts zu suchen sind. Die stilbildenden
Faktoren einer Kunst, Zweckfragen, Anforderungen
klimatischer Verhältnisse, das Material und sein
natürlicher und künstlerischer Gestaltungsprozess
usw. wurden unter dem Einfluss äusserlicher histo-
rischer Studien und Nachahmungen erdrückt. —
Daher das stillose Architekturbild, das die Industrie-
landschaft bietet. Fremde Tonarten haben uner-
freuliche Dissonanzen in das Land getragen. V
V Heute ist es freilich schon anders geworden,
nachdem einMeunieralsersterdieheroischen Rhyth-
men der Industrie in malerischen und plastischen
Formen festgehalten hat. Die neuen Fabrikbauten,
die aus der Beantwortung von Zweckfragen, ohne
historisierenden Dekor, erstanden, sind teilweise in
ihrer Klarheit von herrlicher baulicher Schönheit
und auch in ihrer monumentalen Steigerung ein
formaler Ausdruck des heroischen Landschaftsbildes
und ihrer treibenden Kräfte. V
V Vor allem ist aber hier Kreis’ Emscher-Genossen-
schaft zu nennen! Kein Bauwerk, das sich nach
einem fremden Himmel und fremden Zeiten sehnt.
Der Bau ist aus dem Lande herausgewachsen, kennt
alle Schönheiten und Eigenarten und die Gross-
artigkeit des Landes, hat diese Schönheiten ver-
dichtet zu einem monumentalen Ausdruck der In-
dustrie. Die gegebene Natursituation ist zu einer
neuen künstlerischen Form umgestaltet worden. Die
Landschaft gibt, wie bei Kreis’ Bauten in Sachsen
oder im Bergischen Lande, den Grundakkord. V
V Ich halte es schon für eine Tat, dass Kreis bei
dieser Neuschöpfung einem Baumaterial wieder zu
Wort verhülfen hat, das seit Jahrhunderten am
Niederrhein und in Westfalen die schönsten Dinge
zu erzählen wusste, dem Backstein! Das 19. Jahr-
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