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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 12.1913

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https://doi.org/10.11588/diglit.48360#0387

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ALFRED GRENANDER
. Von ROBERT BREUER, Berlin

Architekten von der Art des Alfred Grenander
tun uns not. Fachmänner, in ihrem Handwerk
gründlich erfahren, Schüler und Helfer anerkannter
Meister, mit Bewußtsein der Kontinuität der Stil-
entwicklung sich eingliedernd, und so, selbständig
geworden, als wahrhaft Produktive ein charakter-
volles Werk verrichtend. Sie sind nicht genial, aber
sie sind tüchtig. Sie stürmen nicht als Revolutionäre;
aber sie bauen als treue Diener einer sich klärenden
Kultur. Sie tragen Tradition und fühlen sich durch-
aus als Verwalter eines Erbes an Formen und Ab-
sichten. Sie wollen aber nichts weniger, als akade-
misch das Uebernommene erhalten und in Regeln
pressen. Sie empfinden mit der eigenen, der neuen
Zeit, und, wenn sie auch stets darauf aus sind, nach
rückwärts einen Anschluß zu finden, so drängt es
sie doch, durch alles, was sie erstellen, ihrer Per-
sönlichkeit Ausdruck zu geben. Sie sind nicht Eklek-
tiker, sondern Organisatoren des Vorgefundenen;
sie wissen, daß der Fortschritt in der Architektur
weniger durch einErfinden neuerElemente kommt, als
dadurch, daß die bewährten Glieder von neuem Geist
beseelt und von jungem Temperament nach einem
bisher unbekannten Rhythmus geordnet werden.
Grenander kommt von Messel und Wallot. Er
hat mit Messel an einem Gebäude der Schöneberger
Gasanstalt gearbeitet; das war in der frühesten Zeit
des Wertheimbauers. Dann trat er in das Baubureau
des Reichstages und blieb an diesem Platz auch
dann noch, als Wallot längst nach Dresden geflüchtet
war. Diese Jahre haben sich in Grenanders Leben
fest eingesponnen; die unerbittliche Selbstzucht, die
Wallot nicht ruhen ließ, bevor der gestellten Auf-
gabe die endgültige Lösung gefunden war (man
denke an die Geschichte der Kuppel), hat in Grenan-
der einen Nachfolgenden gefunden. An jedem seiner
Werke sieht man dies Abwägen und Prüfen, dies
treue Erfüllen der architektonischen Grammatik.
Von Wallot her mag Grenander auch die Tendenz
zum Monumentalen, zum Wirksammachen der
Massen, in sich tragen. Eine Tendenz, die seltsam
kollidiert mit einem andern Instinkt, der dem
Schweden, dem Sohn eines Landes der Holzarchi-

tektur, eingeboren scheint: dem Instinkt zum Inge-
nieurhaften. Dieser Widerspruch zwischen der
Neigung, die Flächensich mächtig entfalten zulassen,
und der andern, das Konstruktionsgerüst auf ein
Minimum zu beschränken und zugleich das Archi-
tektonische an einer Klärung der Kurven für Druck
und Zug sich erschöpfen zu machen, gibt einzelnen
Arbeiten des Grenander, besonders seinen Eisen-
konstruktionen und seinen Möbeln, eine interessante
Pikanterie. Man hat zuweilen den Eindruck als
kämpfe ein asketischer Intellekt mit der Behäbigkeit
des Fleisches. Man kann solchen Eindruck sogar an
ein und demselben Objekt erleben. Zum Exempel:
das Haus Herpich; an dem Körper bewährt sich der
Trieb zur horizontalen Ausbreitung und zum mas-
siven Aufbau, als Gegenthema aber spielt die Fein-
gliederigkeit der Gitter, wie sie als Brüstung an
den Treppen und Baikonen und als Schutz vor den
Fenstern stehen.
Durch seine Begabung für die flektierende Linie,
wie sie zum Wesen der Eisenkonstruktion gehört,
ist Grenander zuerst bekannt geworden. Neben-
einander sah man seine Möbel, in Holz geschweift,
das Gefühl elastischer Präzision erwirkend, und die
mannigfachen Formen, durch die er die Bauten und
später auch die Wagen der Berliner Hoch- und
Untergrundbahn aus dem Notwendigen in das Rhyth-
mische steigerte. Dabei ist er mehr und mehr zur
Reife gekommen; wenn er anfangs das bewegliche
Eisen mit kunstgewerblichem Eifer zu allerlei
kurioser Gestalt antrieb, so wurde er mit den Jahren
formend immer ruhiger, ohne dabei zu verarmen.
Im Gegenteil, es gelang ihm zunehmend, für das
Funktionelle der Träger und Binder, für das Ge-
stänge in den Wagen, für die Handgriffe, für alle
metallenen Teile, aber auch für das Wagengehäuse
eine spürbar letzte und wenn auch nicht ewig
bleibende, so doch stetig mögliche Form zu finden.
Es gehören schon heute seine Bahnhöfe, seine
Kassahäuschen und seine Wagen zu dem Modernsten
und Zeitfrischesten, was es in Berlin zu sehen gibt.
Wenn erst die neue Serie der im Bau begriffenen
Bahnhöfe fertig sein wird, dürfte Berlin durch solche

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