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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 12.1913

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https://doi.org/10.11588/diglit.48360#0733

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Die Wiedergeburt der Blume.

«

I

Man mag seinen Blick über irgend einen Zweig des neuzeit-
lichen Kunstgewerbes schweifen lassen, überall wird man
bemerken, dass ein steter Wechsel, ein ewiges Abwechseln
einer Formenart durch eine andere statthat, schneller bei der
einen, langsamer bei der andern Art der Erzeugnisse. Überall
macht sich die stete Sucht nach Neuem, überall mehr oder
weniger die Ta-
gesmode breit, die
das Bestreben hat,
das, was heute neu
und eigentümlich
ist, morgen schon
wieder hinabzu-
stossen in das
grosse Reich des
Dagewesenen,des
Veralteten, längst
Überwundenen,
was, von späteren
Geschlechtern ein-
mal gehörig ge-
klärt und durch-
gesiebt, dereinst
als Stil eines be-
stimmten Zeitab-
schnittes erkannt
werden wird.
So sehen wir
seit der Mitte der
neunziger Jahre
vorigen Jahrhun-
derts einen Wirr-
warr von Formen
über den künst-
lerischen Horizont
Deutschlands zie-
hen, wir sehen
jedes Jahr neue
Erscheinungen
auftauchen, die
Künstler sich im-
mer neue Auf-
gaben stellend,
jeder Anregung,
jedem Einfluss
nachgebend.Diese
Einflüsse und An-
regungen sind
aber überaus zahl-
reich und die
Künstler nehmen
sie, wo sie sie be-
kommen können;
ihnen ist alles
recht, wenn sie
es nur zur Entfaltung und zur Stärkung ihrer Kräfte brauchen
können, wodurch dann auch das Emporkommen so vieler Künstler-
Persönlichkeiten erklärbar wird, deren jede mit ihrem eigenen Stil
in die Erscheinung tritt. Es ist denn auch eine der interessan-
testen Entwicklungszeiten für das Kunstgewerbe gewesen, die wir
durchlebt haben, als nach dem Abarbeiten der alten Stile, wie es
von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, fast bis zum Schluss
desselben, zu verfolgen ist, der künstlerische Einfluss begann,

sich geltend zu machen und das Abkommen von den Stil-
formen früherer Zeiten und die Schaffung neuer, der Jetzt-
zeit entsprechender, zur Losung gemacht wurde. Wir wissen,
dass diese Bewegung nicht plötzlich kam, dass sie ihren Ur-
sprung in England hatte und dort, ehe sie in Deutschland
Fuss fasste, bereits Jahrzehnte hindurch in Vorbereitung war.
Als sie aber in
Deutschland
einsetzte, kam
dort alles plötz-
lich, erschreckend
plötzlich und um-
stürzend, „jede
neue Botschaft
wirkte wie die
Trompeten von
Jericho. Die Folge
war, dass sich
mancher Umsturz
alsbald selber wie-
der umstürzte.“
Und so ist denn zu
verfolgen, wie der
Stil,der wohl seine
höchste Blüte um
des Jahrhunderts
Wende, nicht zum
geringsten Teil
während der Pa-
riser Weltausstel-
lung trieb, der
sogen. Jugendstil,
kurze Zeit darauf
wieder abgewirt-
schaftet hatte und
uns heute nur noch
„fürchterlich“ an-
mutet. Gedenken
wir dagegen des
Entzückens, wel-
ches er hervorrief,
welches hohe Lob
seinem Begründer
Otto Eckmann zu
Teil geworden ist,
wie groß die Schar
seiner Nachbeter
war, wie selbst
ernste Künstler,
z. B. Walter Leis-
tikow, sich in der
Schaffung — aller-
dings missglück-
ter — Bandwurm-
motive abmühten,
so können wir ermessen, wie schnellebig unsere Zeit und wie
grausam sie im Verwerfen des einmal Vorhandenen ist. Aber
unsere Zeit hat eine ungeheure Erzeugungskraft und Erfindungs-
gabe und so darf sie sich das leisten, setzt sie doch immer
wieder an die Stelle des Alten, Gestürzten, schnell etwas Neues.
Verfolgen wir die kurze Spanne Zeit, die das zwanzigste Jahr-
hundert schon durchlaufen hat, so sehen wir den Rückschlag
auf den Jugendstil, wie sein wüstes Linienspiel sich nach und

Der Teppich „Alicante“ der Teppich-Manufaktur A.-G. in Beuel a. Rh.
(Grösse 400 : 280 cm)
 
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