Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 26.1927

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Bureau des Stadtarchitekten von Amsterdam
Neues Rathaus in Amsterdam. — Grachtseite


DAS NEUE AMSTERDAM

Man kann die Entwicklung des neueren Bauwesens von
Amsterdam — und das ist häufig genug geschehen —
vom Standpunkt der Form überblicken. Dann erscheint ihr
Weg bis vor die Tore der Gegenwart etwa durch die folgen-
den drei Stationen bezeichnet: Das Reichsmuseum des älteren
Cuypers bringt eine malerische Form auf den Plan, deren
elastische Kraft in der rhythmisierten Masse, deren Schwächen
in den dekorativen Begleitumständen gelegen sind. Die Börse
Berlages statuiert auf eine für ihre Zeit höchst ausdrucksvolle
Weise die Vorherrschaft des Würfels, der gereinigten, ener-
gischen Bauform. In dem Schiffahrtshaus von van der Meij
will das und jenes zusammenkommen; die immer körperhafte
und doch auch immer schmucke Behandlung des Ziegels zeigt
es schon sinnfällig an. Mittlerweile ist die zweckmäßige Mo-
dernität des Grundrisses fast ebenso zur Selbstverständlich-
keit geworden wie die konstruktive Gliederung der Baugestalt,
aber eins gleitet nun wieder mit Gefühl ins andere, vom
Schildern und Kerben und Profilieren des Außenwerkes, das
schon die eigentümliche Atmosphäre des Küstenorts verweben
hilft, geht es zur durchsichtigen Klarheit, zu der neuen labilen
Balance des Innern.

Indes, von da ab wird man vergebens nach einem eindeu-
tigen Begriff für die Architektur von Amsterdam suchen.
Und doch ist sie erst seither, seit dem Auftreten M. de Klerks,
von einem Geist umfaßt, trotz aller Spielarten eine Formen-
einheit geworden, der gegenüber, was vorangeht, nur wie ein
allerdings elementares Experiment erscheint. Jetzt erst kann
man, seit den Zeiten eines de Keyzer zum ersten Male wieder,
in des Wortes wahrstem Sinne von einer neuen Amsterdamer
Baukunst sprechen.
Dieses neue einfache und doch so reiche Wesen, so bestimmt
in seiner Gestalt und doch so wenig bestimmbar durch eines
der geläufigen Schlagwörter, kündigt sich vielleicht am merk-
lichsten in der Sprache der Entwürfe an. Die Zeichenweise
bleibt, wo es darauf ankommt, sauber und korrekt. Aber sie
erschöpft sich nicht in solchen Eigenschaften. Wo immer es
angeht, gewinnt sie Freiheit und Empfindung. Man stößt jetzt
nicht selten auf Blätter von selbständigem graphischen Reiz.
Nach wie vor bleibt schon die Arbeit des Entwerfers gezügelt
durch den sachlich besonnenen und verantwortlichen Sinn, der
hier zu Hause ist. Aber er wird bestürmt von Leidenschaft
und Phantasie. Das Bauen ist nun nicht mehr Angelegenheit

MOD. BAUFORMEN 1927. VIII, 1.
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