Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 26.1927

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Philipp Ginther
Entwurf für ein freistehendes Einfamilienhaus (75 m2 verbaute Fläche). — Südost- und Eingangsseite
Fachklasse für Architektur Oberbaurat Prof. Dr. Josef Hoffmann, Wien

NEU-WIENER INNENRAUME

Keinem, der die Entwicklung der Baukunst in den
letzten Jahren auch nur mit einiger Aufmerksamkeit
verfolgt hat, kann es entgangen sein, daß auch dasWiener
Interieur nach Wesen und Aussehen sich gründlich ver-
ändert hat. Die längste Zeit und selbst heute noch für
eine unwandelbare Domäne des Luxus gehalten, straft
es dieses aus Leichtfertigkeit entstandene und von aller-
hand Übelwollen genährte Gerücht Lügen. Nicht erst seit
heute. Denn vielleicht früher als irgendwo anderwärts auf
unserm Kontinent mag hier die auf lautere Sachlichkeit
gerichtete Bewegung auch den Innenraum und seinen
Hausrat ergriffen haben. Das näher darzulegen, hieße die
Vorgeschichte der gegenwärtigen Wiener Form schreiben.
Doch wird schon der Hinweis auf einige miteinander ver-
kettete Ereignisse von prinzipieller Bedeutung, die alle
in die Zeit vor dem Kriege und während seiner Dauer
fallen, den Gang der Dinge schnell erkennen lassen: also
etwa der Schalterraum der Postsparkasse von Otto Wag-
ner, die Bauten von Adolf Loos, das Sanatorium in
Purkersdorf und das Haus Bernatzik von Josef Hoffmann,
die Lehrerschaft Oskar Strnads und Heinrich Tessenows
an der Kunstgewerbeschule, die Anfänge Josef Franks,
die Ausstellung von einfachem Hausrat und der Thonet-
sche Sessel, der Prototyp des modernen Möbels. Das
alles und noch mehr zeigt schon die strenge Vernunft,

die schlichte zweckdienliche Gestalt, die heute in der
kulturellen Welt obenauf sind.
Aber das alles hat sich damals nicht auch tatsächlich
im vollen freien Maße durchsetzen können. Noch standen
dieser sozialen Form die nationalen und individuellen
Kräfte der Zeit übermächtig entgegen. Von ihnen be-
kämpft und bedrängt, mußte sie sich einstweilen mit nur
spärlichen Verwirklichungen begnügen
Erst der geistige Zusammenbruch der alten, der Auf-
stieg einer neuen Welt kam ihrer Entfaltung zustatten.
Dem neu erstarkten Sinn für das Gemeinwohl folgten
allerorten Unternehmungen zur Hebung der allgemeinen
Wohnkultur, die schon aus ökonomischen Gründen nicht
mehr das sog. „Schöne“, die anfechtbare und unbestän-
dige Geschmackssache im Auge hatten, sondern vielmehr
das wohnlich Gute, das mit den geringsten Mitteln zu
erreichen war. Diese geradezu moralische Abkehr von
den veralteten ästhetischen Spielen hat vielleicht nirgends
so fruchtbaren Boden gefunden wie in Wien. Denn jetzt
war die Leitung der Stadt an Männer der Demokratie
gekommen, die — vielleicht nicht immer auf den besten
Wegen, aber immer mit dem besten Willen — sich an-
schickten, die neue soziale Bauweise auch im Innenraum
zu verwirklichen. Das war nun nicht mit einem Schlage
möglich. Jeder neue Typ — und um typische Raum-

Fortsetzung S. 393
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