Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 26.1927

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Wilhelm Riphahn, Köln
Um- und Erweiterungsbau des Hauses Dr. C. in Köln-Marienburg. — Gartenseite (umgebaut 1926)

ARCHITEKT WILHELM RIPHAHN, KÖLN

Vor mir liegt das Januarheft der „Modernen Bauformen“
aus dem Jahre 1923. Ein Stück Baugeschichte, diese alte
Nummer und die Bilder der heutigen, und dazu der Name
desselben Riphahn. Nur vier Jahre. Und dazwischen ein riesiger
Schritt. Der Schritt von der Vorkriegszeit, die, in der Archi-
tektur bescheidener, aber doch noch wohl konserviert weit in
die Inflationsjahre reicht, bis zur Werkbundausstellung Stutt-
gart 1927.
Riphahn gestaltete damals noch feudale Inneneinrichtung
mit historischen Anklängen, hat es aber doch verstanden,
durch seinen ausgeprägten Sinn für Proportion und die Wirkung
der räumlichen Tiefe, die Anlehnung an historisierende Formen
zu veredeln und selbst für unser dem Historischen abgewandtes
Empfinden zu rechtfertigen. Der Raumsinn, die eigentlich
künstlerische Potenz des Architekten, machte aus ihm einen
richtigen Gestalter des Historischen, der sich vom un-
verstandenen Historismus derZeitgenossen deutlich unterschied.
Auch Riphahn scheint, wie viele andere, durch die Not-
wendigkeit zu einer wirtschaftlicheren Bauform ein Bekenner
des modernen Stils geworden zu sein. Seine ersten Siedlungs-
bauten sind noch im althergebrachten Stil einfacher, nicht zu
hoher Reihenhäuser, ruhig, geschmackvoll, ziemlich hohes Dach,
dessen Raum durch Mansardenvorsprünge noch besser aus-
genützt wird. Aber das scheint wichtig, er verwandte diese
jahrhundertealten Baugedanken nackt und ohne Beiwerk und
suchte dazu noch durch einen großzügigen Bebauungsplan die
Häusergruppen zu rhythmisieren und ihnen wenigstens in der
Gesamtwirkung Eigenart zu geben. Das Haus ist hier nur ein
kleiner Teil des Kunstwerks, das Siedlung heißt.
Der Schritt zu neuer Siedlungsform fiel ihm darum nicht
schwer. 1925 ist bei ihm die Wandlung schon vollzogen. Er
ist also einer der ersten, die die neuen Baugedanken in

Deutschland verwirklichten. Der Rhythmus, der bisher nur im
ganzen Siedlungskomplex zu finden war, setzt sich jetzt in den
Bauten der Siedlung Bickendorf (Abb. S. 478 und 479) in der
Fassade der Häuser fort, in der Verteilung der Fenster über
die Fläche und in der überaus markanten Eingliederung der
luftigen Veranden in die gesamte Fläche. Überraschend, wie
es ihm dadurch gelingt, allen kleinbürgerlichen Geschmack aus
der Siedlung zu bannen. Man spürt im Zweckbau den künst-
lerischen Griff. Diese Siedlung wird zu den besten Repräsen-
tanten des neuen Baustils in Deutschland gehören.
Eine andere Probe für das Können des Architekten: Der
Umbau. Die schwierige Aufgabe, im Rahmen einer Fülle
fertiger Gegebenheiten sich schöpferisch zu erweisen. Der
Terrassenanbau am Haus Dr. C. Köln-Marienburg (S. 477) er-
weist erneut die klare Rhythmik derRiphahnschen Baugedanken.
Ein einfacher, mit wenig Mitteln durchgeführter Treppen-
aufgang, der in seiner Tiefenwirkung und seinen Schatten-
effekten verblüffend ist.
Aus Riphahns neueren Innenarbeiten ist das Feudale ver-
schwunden. Ein Architekt moderner Richtung kann nicht feudal
sein, wenn er noch so sehr das Recht und die Aufgabe hat,
gesteigerten Ansprüchen zu dienen. Das Herrenzimmer im
Hause J. ist kein Raum für Typenhäuser. Riphahn ist An-
hänger des neuen Luxus der Raumweite, des Riesenfensters,
der raffiniert gepolsterten und sitztechnisch durchdachten
Sessel. Räume von solch prägnanter rhythmischer Formel, von
einer solchen Übereinstimmung in der Komposition von Möbeln
und Raum hat man nur in geringer Zahl in der Stuttgarter
Werkbundausstellung gesehen! Riphahn baut keine „Wohn-
maschinen“, trotz des neuen Stils; er gestaltet immer noch
künstlerische Wohnungen. Der Häuserkonstrukteur ist
Künstler geblieben. Dr. D. Stuart.
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