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NEUES AUS WIEN UND BRÜNN
Die Wiener Kunstgewerbeschule feiert das vollendete
60. Jahr ihres rühmlichen Bestehens mit einer Ausstellung
im Österreichischen Museum, die — nach einem Wort des Direk-
tors Alfred Roller — nicht mit Spitzenleistungen ihrer besten Schüler
prunken, sondern in den Weg und die Weise des hier herrschenden
Betriebes unmittelbaren und allseitigen Einblick gewähren will,
eine Absicht, die durch die klare und bündige Raumanlage von
Oswald Haerdtl vortrefflich gefördert wird. Was diese Anstalt,
die einzige ihrer Art, für die Entwicklung des österreichischen
Handwerkes bedeutet hat und bedeutet, was ihr darüber hinaus
das moderne Handwerk überhaupt an maßgebenden Anregungen,
für die Organisation des Schulwesens und für die
Kultur der Arbeit, verdankt, das kann hier nicht
einmal angedeutet werden. Unsere Zeitschrift muß
sich begnügen, mit Wort und Bild die Erziehung
zur Architektur, wie sie an dieser Lehrstätte ge-
pflegt wird, einigermaßen zu kennzeichnen. Das
aber führt auch sofort in die jüngste Epoche der
Schule. Denn erst die Ara Roller hat diese Schule
nicht nur planmäßig vom Gewerbe auf das Hand-
werk gelenkt, sondern auch, in Erkenntnis der
unlösbaren Beziehung von Handwerk und Bau-
kunst, die Architektur in den Lehrgang eingeführt.
Die Bedeutung dieser Reform wird man schon an
dem Umstande ermessen, daß bereits damals in
Wien zwei Hochschulen der Architektur, nämlich
die Technik und die Akademie, mit Lehrern vom
Range Otto Wagners, Karl Königs und Friedrich
Ohmanns bestanden, Hochschulen, die es der An-
stalt am Stubenring natürlich nicht gerade leicht
gemacht haben, ihren Ausbau in der genannten
Richtung zu vollenden. Umso verdienstlicher, umso
wirkungsvoller — auch für das Ausland — erwies
sich diese prinzipiell und tatsächlich gleich wichtige
Neuerung. Den mannigfaltigen Betätigungen der
Hand war seither ein gemeinsames Ziel gegeben, das
Handwerk dienstbar geworden der Architektur.
Und dabei ist es geblieben. Neben die Meister-
klasse Josef Hoffmann trat in der Folge eine zweite
unter der Leitung Oskar Strnads — zwei hervor-
ragende, moderne und doch sehr verschiedene
Persönlichkeiten, je später je mehr den gegen-
wärtigen sozialen Aufgaben der Baukunst und ihrer
schlichten, klaren Formensprache zugewendet. Aber
auch heute noch wird man in den Proben ihrer
Schüler— an den Strandhotels von Bichler, Ginther
und Weber, an den Reihenhäusern und der Villa am Abhang von
Soulek und an dem Kasino von Volmar — mit ihren geradewegs
durchgeführten und dann wieder beweglichen Plänen, mit ihren
einfachen und dann wieder reicheren Bildungen das — trotz allem —
individuell verschiedene Wesen vorfinden, das hier nun einmal
einen lebendigen Nährboden hat. Dieses eigenwillige Wiener
Wesen mag es im Augenblick besonders schwer haben. Denn
die Zeit mit ihren alles ausgleichenden Bestrebungen ist ihm nicht
günstig. Sie verlangt statt des Handwerkes die Maschine und,
zweifellos mit gleichem Recht, eine Architektur nicht der Willkür,
sondern der gereinigten Norm. Trotzdem wäre es eine schädliche
Gewaltsamkeit, wollte man dieser Architektur schon in der Schule,
ohne Achtung ihrer bodenständigen Triebkräfte, ein allgemeines,
uniformes Statut aufzwingen. Wenigstens in Wien muß — das
zeigt der Rückblick auf die 60 Jahre stetig ansteigende Ent-
wicklung der Kunstgewerbeschule — der Weg vom organisch Vor-
handenen zu seiner weltgültig orientierten Organisation führen.
Das würde heute vielleicht am besten erreicht, wenn den beiden
Meisterklassen für Architektur eine dritte unter Josef Frank an
die Seite träte.
* *
*
Auf dem Weg vom schulmäßigen Versuch zur Verwirklichung
bietet sich als Nächstgelegenes das neueWiener Möbel an,
und zwar schon deshalb, weil es auch hier in der Hauptsache um
Grundsätzliches geht.
Nun ist die nur natürliche Verkettung von Bau, Raum und
Möbel in letzter Zeit wohl häufig genug erörtert worden. Es wäre
also überflüssig, neuerlich darzutun, warum hier eines sich aus
dem andern ergibt. Aber es ist auch heute noch sehr
notwendig, Klarheit zu schaffen, bis zu welchem
Maß dieser unanfechtbare Grundsatz gilt. Denn
unbeschränkt gilt er nicht. Es verhält sich mit ihm
wie fast mit jeder allgemeinen Wahrheit: wird sie
übertrieben, dann schlägt sie um in Widersinn.
Die jüngste Entwicklung der Dinge läßt das fürs
Möbel wieder einmal befürchten. Nachdem am
Beginn der neuen Bewegung das Regime der
Architektur über den Hausrat mit Glück instal-
liert worden, macht sie jetzt Miene, dieses theo-
retisch zu vergewaltigen. Sie möchte unbedingt
herrschen, wo sie nur bedingt herrschen darf.
In einem auch sonst lichtvollen Vortrag hat un-
längst Josef Frank jenes moderne Möbel gezeigt,
das um jeden Preis mit dem Bauwerk konform
bleiben will, auch wenn es dadurch funktionell un-
tauglich wird. Ein Sessel kann mit der Form des
Hauses in bestem Einklang stehen, aber man muß
deshalb nicht auch auf ihm sitzen können.
Nicht minder wichtig scheint uns die Erwägung,
daß wohl für das Haus eine Fülle von neuen Baustof-
fen entdeckt wurde und auch weiter noch entdeckt
wird, daß aber das Material fürs Möbel im Grunde
stationär geblieben ist. Nach wie vor besteht es in der
Hauptsache aus Holz. Das Möbel hat also materiell
und funktionell seine besonderen Voraussetzungen,
denen die Form sich fügen muß.
Das Stahlmöbel bedeutet keine Ausnahme. Denn
trotz seines neuen Werkstoffes deckt es sich in
seinen entscheidenden Eigenschaften mit dem nun
schon seit zwei Menschenaltern gebrauchten ge-
bogenen Holz. Wie diese ist es dünn, biegsam und
beweglich. Wie dieses dient es auf einfache, saubere
Weise dem durchsichtigen Raum. Wie dieses ist es
infolge seinerTechnikundBilligkeit am besten geeignet, in Massen
fabriziert zu werden. Es bringt nur den Thonetschen Sessel, die
Urform des modernen Typenmöbels, verspätet zur vollen Geltung.
Das ist jetzt erst möglich geworden, weil jetzt erst auch die Archi-
tur mit Hilfe ihrer vielen neuen Stoffe das gleiche logische und
leichte Wesen angenommen hat. Es ergibt sich also die merk-
würdige Tatsache, daß vor Jahrzehnten ein schlichtes Maschinen-
möbel eine Form installiert hat, die — nach einem heute fast un-
glaublich langen Sonderleben — nun endlich auch auf die Baukunst
übergreift und von ihr zur Gänze verwirklicht wird.
Nun erst wirkt jener Thonetsessel nach allen Seiten. Man
lernt nach dem Buchenholz, das er gebraucht, auch andere lang-
faserige Hölzer biegen. Der hohle tragfähige Stahlstab tritt hinzu.
Aber die maschinelle Disziplin führt auch sonst zu Bildungen,
die ein Mindestmaß an Material und Arbeit erfordern, das Ver-
langen nach heiterer Helligkeit führt zum glänzenden, farbigen
Lack, die soziale und sportliche Entwicklung zu rationellen, ziel-
sicheren Formen. Das Möbel dieser leichten Art geht mit dem
Wiener Kunstg-ewerbeschule
(Klasse Wimmer)
J. & L. Lobmeyer, Wien:
Lüster für ein Boudoir,
Messing, rote Kerzenhülsen, Kristalle
MOD. BAUFORMEN 29. X, 1
Fortsetzung- S. 406
NEUES AUS WIEN UND BRÜNN
Die Wiener Kunstgewerbeschule feiert das vollendete
60. Jahr ihres rühmlichen Bestehens mit einer Ausstellung
im Österreichischen Museum, die — nach einem Wort des Direk-
tors Alfred Roller — nicht mit Spitzenleistungen ihrer besten Schüler
prunken, sondern in den Weg und die Weise des hier herrschenden
Betriebes unmittelbaren und allseitigen Einblick gewähren will,
eine Absicht, die durch die klare und bündige Raumanlage von
Oswald Haerdtl vortrefflich gefördert wird. Was diese Anstalt,
die einzige ihrer Art, für die Entwicklung des österreichischen
Handwerkes bedeutet hat und bedeutet, was ihr darüber hinaus
das moderne Handwerk überhaupt an maßgebenden Anregungen,
für die Organisation des Schulwesens und für die
Kultur der Arbeit, verdankt, das kann hier nicht
einmal angedeutet werden. Unsere Zeitschrift muß
sich begnügen, mit Wort und Bild die Erziehung
zur Architektur, wie sie an dieser Lehrstätte ge-
pflegt wird, einigermaßen zu kennzeichnen. Das
aber führt auch sofort in die jüngste Epoche der
Schule. Denn erst die Ara Roller hat diese Schule
nicht nur planmäßig vom Gewerbe auf das Hand-
werk gelenkt, sondern auch, in Erkenntnis der
unlösbaren Beziehung von Handwerk und Bau-
kunst, die Architektur in den Lehrgang eingeführt.
Die Bedeutung dieser Reform wird man schon an
dem Umstande ermessen, daß bereits damals in
Wien zwei Hochschulen der Architektur, nämlich
die Technik und die Akademie, mit Lehrern vom
Range Otto Wagners, Karl Königs und Friedrich
Ohmanns bestanden, Hochschulen, die es der An-
stalt am Stubenring natürlich nicht gerade leicht
gemacht haben, ihren Ausbau in der genannten
Richtung zu vollenden. Umso verdienstlicher, umso
wirkungsvoller — auch für das Ausland — erwies
sich diese prinzipiell und tatsächlich gleich wichtige
Neuerung. Den mannigfaltigen Betätigungen der
Hand war seither ein gemeinsames Ziel gegeben, das
Handwerk dienstbar geworden der Architektur.
Und dabei ist es geblieben. Neben die Meister-
klasse Josef Hoffmann trat in der Folge eine zweite
unter der Leitung Oskar Strnads — zwei hervor-
ragende, moderne und doch sehr verschiedene
Persönlichkeiten, je später je mehr den gegen-
wärtigen sozialen Aufgaben der Baukunst und ihrer
schlichten, klaren Formensprache zugewendet. Aber
auch heute noch wird man in den Proben ihrer
Schüler— an den Strandhotels von Bichler, Ginther
und Weber, an den Reihenhäusern und der Villa am Abhang von
Soulek und an dem Kasino von Volmar — mit ihren geradewegs
durchgeführten und dann wieder beweglichen Plänen, mit ihren
einfachen und dann wieder reicheren Bildungen das — trotz allem —
individuell verschiedene Wesen vorfinden, das hier nun einmal
einen lebendigen Nährboden hat. Dieses eigenwillige Wiener
Wesen mag es im Augenblick besonders schwer haben. Denn
die Zeit mit ihren alles ausgleichenden Bestrebungen ist ihm nicht
günstig. Sie verlangt statt des Handwerkes die Maschine und,
zweifellos mit gleichem Recht, eine Architektur nicht der Willkür,
sondern der gereinigten Norm. Trotzdem wäre es eine schädliche
Gewaltsamkeit, wollte man dieser Architektur schon in der Schule,
ohne Achtung ihrer bodenständigen Triebkräfte, ein allgemeines,
uniformes Statut aufzwingen. Wenigstens in Wien muß — das
zeigt der Rückblick auf die 60 Jahre stetig ansteigende Ent-
wicklung der Kunstgewerbeschule — der Weg vom organisch Vor-
handenen zu seiner weltgültig orientierten Organisation führen.
Das würde heute vielleicht am besten erreicht, wenn den beiden
Meisterklassen für Architektur eine dritte unter Josef Frank an
die Seite träte.
* *
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Auf dem Weg vom schulmäßigen Versuch zur Verwirklichung
bietet sich als Nächstgelegenes das neueWiener Möbel an,
und zwar schon deshalb, weil es auch hier in der Hauptsache um
Grundsätzliches geht.
Nun ist die nur natürliche Verkettung von Bau, Raum und
Möbel in letzter Zeit wohl häufig genug erörtert worden. Es wäre
also überflüssig, neuerlich darzutun, warum hier eines sich aus
dem andern ergibt. Aber es ist auch heute noch sehr
notwendig, Klarheit zu schaffen, bis zu welchem
Maß dieser unanfechtbare Grundsatz gilt. Denn
unbeschränkt gilt er nicht. Es verhält sich mit ihm
wie fast mit jeder allgemeinen Wahrheit: wird sie
übertrieben, dann schlägt sie um in Widersinn.
Die jüngste Entwicklung der Dinge läßt das fürs
Möbel wieder einmal befürchten. Nachdem am
Beginn der neuen Bewegung das Regime der
Architektur über den Hausrat mit Glück instal-
liert worden, macht sie jetzt Miene, dieses theo-
retisch zu vergewaltigen. Sie möchte unbedingt
herrschen, wo sie nur bedingt herrschen darf.
In einem auch sonst lichtvollen Vortrag hat un-
längst Josef Frank jenes moderne Möbel gezeigt,
das um jeden Preis mit dem Bauwerk konform
bleiben will, auch wenn es dadurch funktionell un-
tauglich wird. Ein Sessel kann mit der Form des
Hauses in bestem Einklang stehen, aber man muß
deshalb nicht auch auf ihm sitzen können.
Nicht minder wichtig scheint uns die Erwägung,
daß wohl für das Haus eine Fülle von neuen Baustof-
fen entdeckt wurde und auch weiter noch entdeckt
wird, daß aber das Material fürs Möbel im Grunde
stationär geblieben ist. Nach wie vor besteht es in der
Hauptsache aus Holz. Das Möbel hat also materiell
und funktionell seine besonderen Voraussetzungen,
denen die Form sich fügen muß.
Das Stahlmöbel bedeutet keine Ausnahme. Denn
trotz seines neuen Werkstoffes deckt es sich in
seinen entscheidenden Eigenschaften mit dem nun
schon seit zwei Menschenaltern gebrauchten ge-
bogenen Holz. Wie diese ist es dünn, biegsam und
beweglich. Wie dieses dient es auf einfache, saubere
Weise dem durchsichtigen Raum. Wie dieses ist es
infolge seinerTechnikundBilligkeit am besten geeignet, in Massen
fabriziert zu werden. Es bringt nur den Thonetschen Sessel, die
Urform des modernen Typenmöbels, verspätet zur vollen Geltung.
Das ist jetzt erst möglich geworden, weil jetzt erst auch die Archi-
tur mit Hilfe ihrer vielen neuen Stoffe das gleiche logische und
leichte Wesen angenommen hat. Es ergibt sich also die merk-
würdige Tatsache, daß vor Jahrzehnten ein schlichtes Maschinen-
möbel eine Form installiert hat, die — nach einem heute fast un-
glaublich langen Sonderleben — nun endlich auch auf die Baukunst
übergreift und von ihr zur Gänze verwirklicht wird.
Nun erst wirkt jener Thonetsessel nach allen Seiten. Man
lernt nach dem Buchenholz, das er gebraucht, auch andere lang-
faserige Hölzer biegen. Der hohle tragfähige Stahlstab tritt hinzu.
Aber die maschinelle Disziplin führt auch sonst zu Bildungen,
die ein Mindestmaß an Material und Arbeit erfordern, das Ver-
langen nach heiterer Helligkeit führt zum glänzenden, farbigen
Lack, die soziale und sportliche Entwicklung zu rationellen, ziel-
sicheren Formen. Das Möbel dieser leichten Art geht mit dem
Wiener Kunstg-ewerbeschule
(Klasse Wimmer)
J. & L. Lobmeyer, Wien:
Lüster für ein Boudoir,
Messing, rote Kerzenhülsen, Kristalle
MOD. BAUFORMEN 29. X, 1
Fortsetzung- S. 406


