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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 29.1930

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Nr. 2
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Taunt, Bruno: Russlands architektonische Situation
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https://doi.org/10.11588/diglit.75582#0081

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Victor Wesnin, Moskau. Mineralogisches Institut 1924/25

RUSSLANDS ARCHITEKTONISCHE SITUATION
von Bruno Taut
Bruno Taut bringt soeben in der „Bauformen-Bibliothek" des Verlags Julius Hoffmann
einen Band „Die neue Baukunst in Europa und Amerika" heraus. Er fundiert darin
das Wollen seiner Gesinnungsgenossen auf den Lehren des 19. Jahrhunderts und gibt
anschließend eine internationale Bilderschau. Was dort von Rußland gesagt und gezeigt
wird, finden die Leser im folgenden zu einem Aufsatz erweitert, dem wir wegen seiner
Weitsicht und seinem Verantwortungsbewußtsein besonders gerne breiteren Raum geben.
Die Schriftleitung.

In Rußland sind alle Gedanken von der Industrialisierung
und Erschließung des ungeheuren, an Naturschätzen reichen,
an technischen Hilfsmitteln aber armen Erdgebietes be-
herrscht. Auch die architektonischen Gedanken. Industrie-
bauten, industrielle Bauweisen — darum gruppieren sich aus-
schließlich die Studien, Informationen und Besichtigungen
der Russen, die zu uns oder nach dem weiteren Westen
kommen, darum gruppieren sich alle Befragungen seitens der
Russen an die Architekten, die vom Westen nach Rußland
kommen. Die russischen Industriebauten gelangen zu einer
gleichen, konsequent konstruktiven Haltung, wie sie sie bei
uns, in Holland, Frankreich, z. T. auch in England und vor
allem in Amerika zeigen. Die Fordwerke in Detroit könnten
mit geringen Veränderungen, wie sie das Klima verlangt,
sonst aber genau so in Rußland gebaut sein, und die neue
Automobilfabrik Fords in Nishnij Nowgorod wird dies ja bald
beweisen. Das Architekturproblem im Gebiete des Indu-
striellen hat aufgehört zu existieren; wo der Zweck so ein-

deutig und in seinem Ziel fast mathematisch bestimmt ist, dort
kann man heute beinahe von einer allgemeinen Selbstver-
ständlichkeit des architektonischen Habitus sprechen, man
kann beinahe sagen, daß die Schwierigkeit, solche Dinge
gut zu machen, jetzt nicht mehr besteht.
Wenn die UdSSR auch ganz und gar, besonders unter
dem Eindruck des Fünfjahresplanes, von der wirtschaftlichen
Erschließung ihrer Gebiete beseelt ist, so melden sich doch
auch schon die Anzeichen dafür, daß die von dieser Tendenz
nicht unmittelbar betroffenen Bezirke produktiver Arbeit mit
dem rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt nicht auskommen
können, auch wenn die Wirtschaft zur staatlichen Planwirt-
schaft und damit zur Grundlage einer gewissen Ethik erhoben
wird. Und es zeigt sich: wenn das individuelle Interesse
durch das Arbeiten an der Gesamtheit abgelöst wird, so
muß eine Ideenquelle, ein geistiger Inhalt erschlossen werden,
der dieser höheren Nützlichkeit Nahrung geben kann.
Im „Neuen Rußland" (Heft5/6,1929) schreibt der griechische

MOD. BAUFORMEN 30. II, 1
 
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