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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 29.1930

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Nr. 4
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"Siedlungsreise"
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https://doi.org/10.11588/diglit.75582#0189

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145

„SIEDLUNGSREISE"
Von Architekt Prof. H. de Fries, Düsseldorf-Kunstakademie

An einer wirtschaftlich und ideell so kritischen Zeitwende,
wie sie der Winter 1929/30 nachdrücklich und bedrohlich auf-
zeigt, erscheint Übersicht wertvoll über die Entwicklung der
städtebaulichen, wohnungstechnischen, auch der mit ihnen
kulturverbundenen Materien, da nur Überblick über Ziele,
Abwege und Umwege klare und eindeutige Voraussetzungen
für die Arbeit der nächsten Jahre schaffen kann. Die Be-
mühungen um neue Grundlagen und Formen der Heimbildung
gehen jedermann an, unmittelbarer sicherlich wie Handels-
verträge und politische Gruppenkämpfe. Denn sie betreffen
ja den Menschen selbst, beeinflussen und bestimmen geradezu
sehr häufig sein tägliches Dasein, das schließlich immer das
Wichtigste ist, lenken seine Wünsche und Hoffnungen, fixieren
seinen trotz allem vorhandenen Zukunftswillen. Von diesem
Punkte aus tragen sie wesentlich bei zur Umgestaltung der
Lebensform und des Weltbildes unserer Zeit. Und sie tun
das fast ebenso stark von der wirtschaftlichen Seite her.
Aktive Kleinwohnungs- und Siedlungsarbeit oder nicht,
das ist heute fast ein Schlüsselwort für das Deutschland von
morgen. Die Einstellung zu dieser Frage bedeutet zugleich
Bejahung und Zukunftsglauben trotz allem, oder skeptische
Verneinung, die keine Rücksicht verdient. Zudem deckt sich
hier das Schlüsselwort noch dazu mit der wichtigsten Schlüssel-
industrie des innerdeutschen Wirtschaftslebens. Lähmung oder
gar Abstoppung der Kleinwohnungs- und Siedlungsarbeit
muß für das Arbeitslosenproblem, für sehr große Teile der
Industrie, für Baugewerbe und Handwerk geradezu kata-
strophal sich auswirken und dadurch die an sich schwierige
Wirtschaftslage aufs nachteiligste beeinflussen. Beispiele: Es
gibt in Westdeutschland großstädtische Kommunalverbände,
die auf einen angeblich vorhandenen Überschuß an Klein-
wohnungen hinweisen und damit eine Reduzierung ihrer
Wohnungsbauprogramme, ja sogar deren zeitweilige Aus-
setzung zu begründen geneigt sind. Schaut man näher hin,
so sind die Ziffern über leerstehende Kleinwohnungen in
Neubauten richtig, aber ihre Nichtbenutzung erklärt sich fast
ausschließlich aus den zu hohen Mietpreisen, die auch beim
besten Willen des Mieters nicht in Einklang zu bringen sind
mit den Einkommensverhältnissen jener wirklich schwer
wohnungsnotleidenden Bevölkerungskreise, die nun einmal
den weit überwiegenden Bedarf an erschwinglichen, zugleich
guten Kleinwohnungen repräsentieren. Neumieten von 20 bis
25 M pro Raum und Monat sind z. B. im Westen vielfach
die Regel, aber eine dreiräumige Wohnung mit 60 bis 75 M
Miete kann bei einem Einkommen von 150 bis 180 M un-
möglich bezahlt werden. Betrachtete man für minderbemittelte
Kreise in Friedenszeiten 25% des Einkommens als eine
erschwingliche Norm, so darf eine ausreichende und
anständige Wohnung für die durchschnittlich
fünfköpfige Familie 36 M pro Monat an Mietslast
nicht überschreiten! So selten sie für diesen Betrag trotz
Hauszinssteuerzuschuß, trotz Zinsverbilligung usw. hingestellt
wird, so zweifellos besteht auf der anderen Seite die Tat-
sache, daß sie in genügender Qualität und in guter An-
ordnung auch im Jahre 1930 für diesen Mietsatz hergestellt
werden kann, und zwar überall in Deutschland!

KÖLN A. RHEIN
Den Beweis hierfür tritt in umfangreichem Maße zunächst
einmal die Stadt Köln an, die durch ihre Gemeinnützige
Aktiengesellschaft für Wohnungsbau in Gemeinschaft mit dem
einsichtigen Teil der Kölner Architekten sich bemüht, den
wirtschaftlichen Erfordernissen des Kleinwohnungsabsatzes
Rechnung zu tragen, weniger den Wünschen der Baustoff-
lieferanten und Produzenten! Diese Tendenz darf als sehr
gesund gelten und mag jenen allzu vielen Kommunen als Vor-
bild dienen, die die elementaren Lebensbedürfnisse und
Daseinsform der Hauptmasse ihrer Einwohner noch immer
nicht wirklich ernsthaft begriffen haben. Daß nicht eben selten
mit der diskutablen Sondersteuer des Hauszinsaufkommens
allerhand bedenklicher Unfug getrieben wird, ist eine tief
bedauerliche Tatsache. Was mit diesen Werten an produk-
tiver Arbeit geleistet werden kann, zeigt, unter wenigen
anderen, die Stadt Köln. Und sie beschränkt sich keineswegs
auf die wirtschaftliche Seite der Dinge. Obwohl die ganze
Materie mehr wie eine Konzession der betont repräsentativ
eingestellten Stadtverwaltung gehandhabt wird, obwohl also
der positive Ehrgeiz der Oberleitung in dieser Richtung
ziemlich leerläuft, so ist erstaunlich, was die Architekten und
die erwähnte Gemeinnützige Wohnungs-Aktiengesellschaft aus
ihrer Aufgabe gemacht haben, wie hoch das erreichte Niveau
ist und mit welchem Zielwillen, auch in wirtschaftlicher, bau-
technischer und zivilisatorischer Hinsicht entsprechend ver-
fahren wird.
Als Beleg für diese Angabe erwähne ich die instruktive
Ausstellung eingerichteter Kleinwohnungen auf der Deutzer
Seite in der Heidelberger Straße, die stark besucht wird und
in der für jedes Inventarstück Herkunft und Preis angegeben
ist. Obwohl gerade hier die Grundrißbildung, das A und O
des gesunden Kleinwohnungsbaues, einiges zu wünschen übrig
läßt, ist der Eindruck der Ausstellung überwiegend günstig,
die Idee an sich für viele große Nachbargemeinden der Nach-
eiferung würdig. Als einen großen Fortschritt des Kölner Sied-
lungsbaues empfindet jeder Kenner der rheinischen Wohnform
den Fortfall jenes mobilen Klempnerladens, mit dem der Rhein-
länder noch heute bei jedem Wohnungswechsel umherzuziehen
genötigt ist und der sich zusammensetzt aus dem eisernen
Ofen für jedes Zimmer, den Ofenrohren usw., dem Kochherd,
der Badewanne, dem Badeofen usw. Das Rheinland rühmt sich
so gern seiner alten und hohen Kultur. Aber hier sind offenbar
Reste eines Nomadenstadiums vorhanden, die schmerzlich
wirken, kostspielig und wertvernichtend sind, vor allem aber
den Kleinwohner bei Erstbezug, Wohnungswechsel oder Er-
werb schwer belasten. So bleibt u. a. manches richtig nach
Norden orientierte Badezimmer jahrelang, oft für immer, ohne
die Wanne, den Ofen und das Waschbecken, für die es eigent-
lich bestimmt ist. Es wird zur Rumpelkammer oder, was
schlimmer ist, zum sonnenlosen Schlafkabuff für Aftermieter
wie für Kinder, die durch diese schwere Unterlassungssünde
in zweierlei Hinsicht besonders hart getroffen werden.
In Köln schafft man diesen Übelstand ab, überall werden
kleine und zentral gelegene Heizöfen mit eingebaut, was be-
sonders bei der flurlosen Kleinwohnung günstig sich aus-

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