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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 29.1930

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Nr. 5
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Julius Schulte, Linz
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https://doi.org/10.11588/diglit.75582#0251

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197

JULIUS SCHULTE, LINZ

Architekt Julius Schulte, Professor an der Technischen Hoch-
schule inGraz,istvorkurzerZeitimbestenMannesaltergestorben.
Mit ihm hat die österreichische Architektur einen Mann ver-
loren, der — im trefflichen Sinne des Wortes — die Kraft der
Provinz verkörpert hat. In Linz geboren, ist er dem Land
seiner Heimat zeitlebens ein treuer Sohn geblieben. Sein Bau-
werk, fast durchweg an Orten der Alpenländer aufgeführt,
bewahrte bodenständigen Charakter: die eindeutig entschlos-
sene Anlage, den breiten, stämmigen Wuchs, das volle körper-
hafte Gewicht und eine immer zweckmäßige und solide Tüch-
tigkeit. Aber zu diesen grund-
legenden verläßlichen Eigen-
schaften trat hier auch ein offe-
ner Blick und ein bereiter Wille
für die moderne Formenentwick-
lung. Der charaktervolle und im
Wesen unverrückte Standpunkt
Schultes verhinderte, daß er sich
der neuen Formensprache um
jeden Preis, auch um den der
Selbstbehauptung, in die Arme
geworfen hätte. Er hat sie nicht
mitgemacht wie eine modische
Manier, sondern nach dem Maß
seines bedächtig wägenden, dann
aber schlüssigen Naturells. Eben
deshalb wurde, was er gebaut
hat, kein fragwürdiges Kompro-
miß und noch weniger ein fata-
ler Provinzialismus, sondern eine
Leistung von volkstümlicher
Modernität. Das heißt: was bei
anderen heterogen erscheint —
das Volkstümliche und das Mo-
derne —, bei ihm kam es gesund
und gut zusammen. In diesem
Sinne ist er ein wichtiger Kul-
turträger der neuen Bauweise
draußen auf dem Lande ge-
worden.
Unsere Bilder führen in die


Aufgang in der Schule in Ebensee

letzte Zeit seines Schaffens, ja darüber noch hinaus in seine
Hinterlassenschaft, die jetzt von seinen jungen Mitarbeitern,
den Architekten Arndt und Theer, durchgeführt wird.
Es sind darunter Beispiele von den vielen Miet- und Sied-
lungshäusern, die Schulte im Auftrage verschiedener Wohn-
baugenossenschaften in Linz und Umgebung errichtet hat, wie
z. B. zwei bemerkenswerte Ecklösungen. Der Vergleich mit
anderen naheliegenden Städten fällt hier zugunsten von Linz
aus. Denn Schulte begnügt sich nicht mit einer einmal gefun-
denen Formel. Sondern er arbeitet denTyp, auf den es jeweils an-
kommt, immer klarer, reiner und wohnlicher heraus. Schon hier
oder hier vor allem merkt man das starke soziale Pflichtgefühl,
von dem Schulte sich auch sonst leiten und bestimmen läßt.

Modern entwickelt erscheint die Bauform in den flach ge-
deckten Würfeln der Fabrik für Feuerlöschgeräte und der
Hauptschule bei Ebensee am Ufer des Traunsees. Von diesem
besonders kennzeichnenden Gebäude schreibt ein Mitarbeiter
Schultes: Bei diesem Bau ergab sich aus den Schwierigkeiten
des Geländes ein Grundrißtyp, der vom gewohnten wesent-
lich abweicht und als solcher auch für eine zweite, heute noch
im Bau begriffene Schule (in Attnang-Puchheim) maßgeblich
wurde. Da nämlich die Baustelle im Gebiet des Hochwassers
liegt, war die Anlage eines Kellergeschosses von vornherein
ausgeschlossen. Es war deshalb
notwendig, ein niedriges Par-
terre einzuschalten, worin die
sonst im Souterrain unterge-
brachten Nebenräume — die
Wohnung des Schuldieners, die
Bäder, die Schulküche und der
Speisesaal — angeordnet sind.
Gleichzeitig aber ergab sich auch
die Möglichkeit, die sonst auf
die Klassengeschosse aufgeteil-
ten Garderoben hier unten zu-
sammenzulegen und dadurch so-
wohl die Gänge in den Ober-
geschossen vom Schmutz und
der Feuchtigkeit der Garderoben
freizuhalten, wie auch einen
Grundriß von besonderer Klar-
heit durchzuführen. In den bei-
den höheren Stockwerken blei-
ben je fünf Klassen der Knaben-
und der Mädchenschule von ein-
ander getrennt. Der dritte Stock
enthält zwei Zeichensäle, den
Physiksaal und eine Terrasse
für den Freiluftunterricht. Im
Attikageschoß befinden sich
dann die Lehrerwohnungen und
anschließend ein Dachgarten.
Außen zeigt die Fassade ein
kräftig helles Rot mit grauen

Fensterumrahmungen und weißem Terrassenausbau.
Während der unermüdlichen Arbeit an dem Linzer Krema-
torium, die belegt wird durch eine überaus große Anzahl von
Skizzen und Studien, ist Professor Schulte gestorben. Sein
letztes Werk trägt die Anzeichen einer neuen Phase seiner
Entwicklung. Denn dieser Bau — ein zentraler hell verputzter
Zylinder mit Zinnenkranz und kupfernem Kegeldach, umgeben
von offenen Hallen, die zu einem Vorhof mit Wasserbecken
und andererseits zum Aschengarten führen — wirkt, trotz
seiner ernsten Bestimmung, aber nicht auch gegen ihren Sinn,
fast heiter, wie ein Pavillon. Als ob über den Baumeister in
seinen letzten Stunden die befreiende landschaftliche Leichtig-
keit gekommen wäre. E.
 
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