486
PAUL GRIESSPR, KOMBINIERTE RÄUME
Wohnzimmer, Eßzimmer und Schlafzimmer für den W.K.-Verband. II. Reihe
Besprochen von Dr. Wilhelm-Kästner, Essen. Mit 21 Aufnahmen von Richard Ziegler, Düsseldorf, und 6 Zeichnungen
Der Begriff „Typenmöbel" birgt leicht die Gefahr einer
gewissen Formenarmut in sich. Die wirtschaftlichen Nöte der
unmittelbaren Nachkriegszeit hatten ja aus Mangel an edlen
Werkstoffen bisweilen eine etwas armselige Formenwelt be-
dingt. Diese Notlage zwang aber zur Formenreinigung, zum
Verzicht auf überflüssige Zutaten und Schnörkel — das war das
Gute, Positive dieser schwierigsten Zeit. Heute bestehen die
wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer noch, aber in einer
anderen Weise. Die Materialnot ist behoben, der Zwang zur
größten Einfachheit unserer Lebenshaltung ist jedoch ge-
blieben. Er hat unseren neuen Lebensstil mitbedingt. Im
Künstlerischen wirkt sich dieser neue Stil in einer Beruhigung
der formalen Gestaltung aus, die die schlichte Form als Aus-
druck unserer Zeit betont — selbst da, wo edles oder gar
reiches Material eine üppigere Modellierung nahe gelegt hätte.
In diesem Sinne sind die von Professor Griesser geschaffenen
W.K.-Aufbau-Möbel zeitgemäß. Sie sind aber nicht zeit-
gebunden, modisch, sondern werden ihre Zeit überdauern.
Das ist das Wesen ihrer künstlerischen Formenprägung.
Die Einfachheit aller Griesserschen Möbel entspringt einem
bewußten künstlerischen Formwillen. Das Möbel soll ja im
Raume nicht ein Einzeldasein führen, soll nicht als Einzel-
stück besonders in Erscheinung treten, sondern es muß sich
dem Gesamtraume einfügen und unterordnen. Entscheidend
ist heute nicht mehr die aufdringliche Prunkhaftigkeit der
Fassadenmöbel des vergangenen 19. Jahrhunderts, sondern
der harmonische Zusammenklang aller Möbel im Raume
zugunsten der Gesamtraumwirkung. Hier erweist sich Pro-
fessor Griesser als wahrhafter Raumkünstler, der bei seinen
Möbelschöpfungen immer von echtem Raumempfinden ge-
leitet wird.
Betrachtet man die Griesserschen W.K.-Möbel näher auf
ihre Form hin, so zeigt es sich, daß sie in sich ein wohl-
proportioniertes Ganzes bilden und daß ihre Form voll-
kommen ausgeglichen ist. Mögen es nun die kantigstrengen
Typen der ersten Serie sein oder die in weicher Rundung
abgefaßten Möbel der zweiten Serie von W.K.-Möbeln, immer
ist die Grundform die gleiche, die bleibende. Diese Standard-
form ist bedingt durch die technischen Voraussetzungen der
Herstellung, wie auch durch die Statik und die Funktion des
Möbels. Die serienmäßige Herstellung als wohlfeile Erzeug-
nisse erfordert an sich einen klaren, technisch leicht erfaß-
baren Aufbau, der auch dauerhafte maschinengemäße Ver-
arbeitung ermöglicht. Ein sicheres Stehen und absolute Benutz-
barkeit verlangt weiterhin Vermeidung aller komplizierten
Gestaltungen. Auch im Sinne einer leichten hygienischen
Sauberhaltung ist die einfache glatte Form notwendig. Die
Staubfänger früherer Zeiten sind uns für den modernen prak-
tischen Gebrauch ein Greuel. So vereinen sich denn diese
verschiedenen Faktoren zur gleichen formalen Auswirkung.
Die künstlerische Schwierigkeit beruhte nun aber in der
Abstimmung der Formverhältnisse der einzelnen Möbel zu-
einander, so daß die Einzeltypen, in verschiedener Variation
zusammengestellt, immer wieder eine Einheit ergeben. Denn
das war ja eine große Gefahr für diese kombinierbaren
W.K.-Möbel, daß man die Kombinationen in ihrer jeweiligen
Zusammensetzung als kastenförmige Schachtelung empfinden
könnte und nicht als selbstverständliche, in sich abgeschlossene
Gruppierungen. Hierin bewährt sich die Meisterschaft von
Professor Griesser, daß seine Möbel — fast wie dem mathe-
matischen Gesetze vom goldenen Schnitt gehorchend — in
den Einzelteilen wie in der Gesamtgruppierung immer wieder
als harmonisches Ganzes wirken. Nur so ist aber auch das
System dieser Aufbaumöbel künstlerisch haltbar. Schließlich
bedeutet die Verschiedenartigkeit der Zusammenstellungen
eine formale Belebung der Möbelgruppen, eine plastische
Bereicherung, die durch die Staffelung der einzelnen kubischen
Grundtypen erreicht ist.
Die einfache Grundform der Griesserschen Möbel wird
nun in ihrer künstlerischen Erscheinung gesteigert durch die
materialgerechte Verarbeitung des Holzes und die Betonung
der Materialwirkung an sich. Die Schönheit eines Fourniers
muß genau so zur Geltung gebracht werden wie die Fein-
heit eines zu verarbeitenden Kleiderstoffes. Die ausdrucks-
volle Maserung des kaukasischen Nußbaums ist in richtiger
Auswertung ein reicher Schmuck für die glatten Möbelflächen,
dessen Wirkung noch erhöht wird durch Kontrastierung mit
dunklen Eichenholzteilen oder leuchtenden Birkenholzein-
lagen wie sie diese W.K.-Möbel zeigen. Es ist selbstverständ-
lich, daß kleine formale Unterstreichungen im Aufbau zu-
gunsten einer weiteren Belebung der Gesamtform geschickt
angebracht sind. Die Art, wie die Deckplatte eines Schrankes
oder einer Anrichte vorkragt oder wie der Griff einer Tür
in den Gesamtrhythmus einer Flächengliederung eingefügt
ist, all das spricht weiterhin für das feinsinnige künstlerische
Gestaltungsvermögen, das Professor Griesser in diesen Möbeln
beweist. So bedeuten denn diese wohlfeilen W.K.-Möbel eine
vollkommene Leistung nicht nur in wirtschaftlicher und sozialer
Hinsicht, sondern vor allem auch in ihrer raumkünstlerischen
Wirkung.
PAUL GRIESSPR, KOMBINIERTE RÄUME
Wohnzimmer, Eßzimmer und Schlafzimmer für den W.K.-Verband. II. Reihe
Besprochen von Dr. Wilhelm-Kästner, Essen. Mit 21 Aufnahmen von Richard Ziegler, Düsseldorf, und 6 Zeichnungen
Der Begriff „Typenmöbel" birgt leicht die Gefahr einer
gewissen Formenarmut in sich. Die wirtschaftlichen Nöte der
unmittelbaren Nachkriegszeit hatten ja aus Mangel an edlen
Werkstoffen bisweilen eine etwas armselige Formenwelt be-
dingt. Diese Notlage zwang aber zur Formenreinigung, zum
Verzicht auf überflüssige Zutaten und Schnörkel — das war das
Gute, Positive dieser schwierigsten Zeit. Heute bestehen die
wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer noch, aber in einer
anderen Weise. Die Materialnot ist behoben, der Zwang zur
größten Einfachheit unserer Lebenshaltung ist jedoch ge-
blieben. Er hat unseren neuen Lebensstil mitbedingt. Im
Künstlerischen wirkt sich dieser neue Stil in einer Beruhigung
der formalen Gestaltung aus, die die schlichte Form als Aus-
druck unserer Zeit betont — selbst da, wo edles oder gar
reiches Material eine üppigere Modellierung nahe gelegt hätte.
In diesem Sinne sind die von Professor Griesser geschaffenen
W.K.-Aufbau-Möbel zeitgemäß. Sie sind aber nicht zeit-
gebunden, modisch, sondern werden ihre Zeit überdauern.
Das ist das Wesen ihrer künstlerischen Formenprägung.
Die Einfachheit aller Griesserschen Möbel entspringt einem
bewußten künstlerischen Formwillen. Das Möbel soll ja im
Raume nicht ein Einzeldasein führen, soll nicht als Einzel-
stück besonders in Erscheinung treten, sondern es muß sich
dem Gesamtraume einfügen und unterordnen. Entscheidend
ist heute nicht mehr die aufdringliche Prunkhaftigkeit der
Fassadenmöbel des vergangenen 19. Jahrhunderts, sondern
der harmonische Zusammenklang aller Möbel im Raume
zugunsten der Gesamtraumwirkung. Hier erweist sich Pro-
fessor Griesser als wahrhafter Raumkünstler, der bei seinen
Möbelschöpfungen immer von echtem Raumempfinden ge-
leitet wird.
Betrachtet man die Griesserschen W.K.-Möbel näher auf
ihre Form hin, so zeigt es sich, daß sie in sich ein wohl-
proportioniertes Ganzes bilden und daß ihre Form voll-
kommen ausgeglichen ist. Mögen es nun die kantigstrengen
Typen der ersten Serie sein oder die in weicher Rundung
abgefaßten Möbel der zweiten Serie von W.K.-Möbeln, immer
ist die Grundform die gleiche, die bleibende. Diese Standard-
form ist bedingt durch die technischen Voraussetzungen der
Herstellung, wie auch durch die Statik und die Funktion des
Möbels. Die serienmäßige Herstellung als wohlfeile Erzeug-
nisse erfordert an sich einen klaren, technisch leicht erfaß-
baren Aufbau, der auch dauerhafte maschinengemäße Ver-
arbeitung ermöglicht. Ein sicheres Stehen und absolute Benutz-
barkeit verlangt weiterhin Vermeidung aller komplizierten
Gestaltungen. Auch im Sinne einer leichten hygienischen
Sauberhaltung ist die einfache glatte Form notwendig. Die
Staubfänger früherer Zeiten sind uns für den modernen prak-
tischen Gebrauch ein Greuel. So vereinen sich denn diese
verschiedenen Faktoren zur gleichen formalen Auswirkung.
Die künstlerische Schwierigkeit beruhte nun aber in der
Abstimmung der Formverhältnisse der einzelnen Möbel zu-
einander, so daß die Einzeltypen, in verschiedener Variation
zusammengestellt, immer wieder eine Einheit ergeben. Denn
das war ja eine große Gefahr für diese kombinierbaren
W.K.-Möbel, daß man die Kombinationen in ihrer jeweiligen
Zusammensetzung als kastenförmige Schachtelung empfinden
könnte und nicht als selbstverständliche, in sich abgeschlossene
Gruppierungen. Hierin bewährt sich die Meisterschaft von
Professor Griesser, daß seine Möbel — fast wie dem mathe-
matischen Gesetze vom goldenen Schnitt gehorchend — in
den Einzelteilen wie in der Gesamtgruppierung immer wieder
als harmonisches Ganzes wirken. Nur so ist aber auch das
System dieser Aufbaumöbel künstlerisch haltbar. Schließlich
bedeutet die Verschiedenartigkeit der Zusammenstellungen
eine formale Belebung der Möbelgruppen, eine plastische
Bereicherung, die durch die Staffelung der einzelnen kubischen
Grundtypen erreicht ist.
Die einfache Grundform der Griesserschen Möbel wird
nun in ihrer künstlerischen Erscheinung gesteigert durch die
materialgerechte Verarbeitung des Holzes und die Betonung
der Materialwirkung an sich. Die Schönheit eines Fourniers
muß genau so zur Geltung gebracht werden wie die Fein-
heit eines zu verarbeitenden Kleiderstoffes. Die ausdrucks-
volle Maserung des kaukasischen Nußbaums ist in richtiger
Auswertung ein reicher Schmuck für die glatten Möbelflächen,
dessen Wirkung noch erhöht wird durch Kontrastierung mit
dunklen Eichenholzteilen oder leuchtenden Birkenholzein-
lagen wie sie diese W.K.-Möbel zeigen. Es ist selbstverständ-
lich, daß kleine formale Unterstreichungen im Aufbau zu-
gunsten einer weiteren Belebung der Gesamtform geschickt
angebracht sind. Die Art, wie die Deckplatte eines Schrankes
oder einer Anrichte vorkragt oder wie der Griff einer Tür
in den Gesamtrhythmus einer Flächengliederung eingefügt
ist, all das spricht weiterhin für das feinsinnige künstlerische
Gestaltungsvermögen, das Professor Griesser in diesen Möbeln
beweist. So bedeuten denn diese wohlfeilen W.K.-Möbel eine
vollkommene Leistung nicht nur in wirtschaftlicher und sozialer
Hinsicht, sondern vor allem auch in ihrer raumkünstlerischen
Wirkung.


