Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 29.1930

DOI issue:
Nr. 12
DOI article:
Fritz Gross, Wien
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.75582#0636

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
526

FRITZ GROSS, WIEN
Mit 27 Aufnahmen von J. Scherb, Wien, und Atelier Miroplast, Wien, und 3 Grundrissen. Eingeleitet von Max Eisler

Die beiden neuen Beispiele aus dem Arbeitskreis des Wiener
Künstlers, welche unser Heft in Bildern vorführt, scheinen
beim ersten Anblick sehr verschieden, ja diametral einander
entgegengesetzt. Denn in einem Fall geht es um die mit allem
Komfort versehene Wohnung eines Industriellen, wobei durch-
weg kostbare Werkstoffe gebraucht wurden, im zweiten geht
es um das einfache, in Schleiflack ausgeführte Atelierheim
eines modernen Malers. Trotzdem stehen die beiden Arbeiten
in engster Beziehung zueinander oder sind geradezu wesens-
gleich. Jedenfalls beruht nicht auf jenem auffälligen und doch
nur äußerlichen Unterschied, sondern auf dieser Überein-
stimmung der Charakter des Architekten. Sie will darum
einigermaßen untersucht sein.
Zunächst wird man bei etwas genauerer Betrachtung, nament-
lich wenn man die Grundrisse zurate zieht, leicht feststellen
können, daß auch die Industriellenwohnung im Raume knapp
bemessen ist. Eine Dreizimmerwohnung, nicht mehr. Aber eben
bei solcher Enge ist Groß in seinem Element. Denn dann
sieht er sich angeregt, ja gezwungen: zu kombinieren. Und
vor allem diese Kombinationsgabe — das Wort in einem
sehr reichen Sinn verstanden — ist eine Quelle seines Ta-
lentes, der Ausgangspunkt seines Tuns.

Groß kombiniert in Zvolen das Empfangs- mit dem Speise-
zimmer, das Wohn- und Schlafzimmer der Dame, das Wohn-,
Schlaf- und Arbeitszimmer des Herrn und schafft in dem
Wiener Malerheim einen richtigen „Einwohnraum". Diese
Häufung der Bestimmungen veranlaßt den Künstler nicht
allein zu einem haushälterischen Umgang mit dem jeweils
verfügbaren Raummaß, sie veranlaßt ihn auch zu einer be-
sonders kräftigen Durchbildung der Raumgestalt, wofür die
wiederkehrende Ruhenische mit Oberlicht nur ein besonders
deutliches Motiv bietet. Aber auch das Möbel wird in diesen
Zug der Dinge folgerecht eingestellt. Denn Groß läßt das
Möbel keineswegs „im Raume aufgehen", sondern er be-
handelt es auf eine sehr entschieden plastische Weise, ja
er bedient sich seiner, um den Raum aufzuteilen und zu
gliedern — nirgends so deutlich wie bei den zwei- oder
mehrseitigen Kasten, die mitten in den Raum eingreifen
oder gar völlig frei darin stehen.
Aber auch bei den einseitigen Stücken, den Wandschränken
und Regalen, setzt der angegebene Werkvorgang nicht aus.
Das zeigt unter unseren Beispielen am klarsten der Bücher-
bord einer Wiener Wohnung, in den nicht nur ein Sekretär,
sondern auch ein kleines Büfett eingebaut ist, und in dem


Fritz Groß, Wien. Wohnung W. in Zvolen. Ruhenische im Zimmer der Dame
Eingebaute Deckenbeleuchtung; Wandauskleidung: grau-silberne chinesische Basttapete; Kaminnische: schwarz-weiße Fliesen mit Chrom-
n ickelgitter und weißer Marmorplatte; Verbauung: lachsroter Schleiflack; Schmuckschreinchen mit echt vergoldeten Türen; Überzüge:
pfaublauer Seidenrips; Bettstufe: mausgrauer Plüsch. Vgl. die Tafel nach S. 540, die durch ein technisches Versehen seitenverkehrt ist.
 
Annotationen