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Einleitung.

Die vorliegende Arbeit will im Sinne einer themengeschichtlichen Fragestellung die
Kunstform des Stillebens in ihren Anfängen auf deutschem Boden untersuchen, um unter
Benutzung und Fortführung ähnlicher Arbeiten einen neuen Charakterzug in das Bild
der beginnenden Neuzeit einzutragen. Ikonographische und kulturgeschichtliche Beob-
achtungen sollen als Hilfsmittel beigezogen werden, um das 16. Jahrhundert in seinem
Form- und Gehaltwandel von neuem beobachten zu können, denn dieser Zeitraum
schafft die Voraussetzungen für die überraschend plötzliche Erscheinung des ersten Still-
lebenmalers auf deutschem Boden, des Georg Flegel zu Frankfurt am Main.

Nach einleitender Literaturübersicht und Begriffsbestimmung gliedert sich die vor-
liegende Arbeit in einen stilgeschichtlich-grundlegenden und einen biographisch-würdigen-
denTeil. Im erstenTeil wird das 16. Jahrhundert nach künstlerischen Formen und geistigen
Kräften untersucht, soweit diese für die Ausbildung des Stilleben-Themas in der Malerei
bedeutungsvoll erscheinen. Der Nachweis vereinzelter Vorformen des selbständigen Still-
lebens im 16. Jahrhundert, wie er sich häufig in der Forschung findet, soll aufgenommen
und erweitert werden, so daß Einzelerscheinungen als Glieder einer Entwicklung begrif-
fen werden können, die im frühen 16. Jahrhundert beginnt und zu Beginn des 17. Jahr-
hunderts endet; damit läßt sich ein neuer Weg durch das 16. Jahrhundert aufzeigen,
in dessen vielschichtigem Ideenreichtum sich Keimkräfte für die Künstlerpersönlichkeiten
des Frühbarodks nachweisen lassen.

Unter die bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten des Frühbarock im deutsdhen Sprach-
gebiet muß der Stillebenmaler Georg Flegel (geboren wahrscheinlich 1566 in Olmütz,
gestorben 1638 in Frankfurt am Main) eingereiht werden; eine Überschau über die ver-
streuten Werke seiner Hand soll im zweiten Teil gegeben werden. Mit dem Versuch einer
entwicklungsgeschichtlichen Analyse soll die Künstlerpersönlichkeit des Georg Flegel
in das Geschichtsbild der Kunst des deutschen Frühbarock eingeordnet werden. Die ver-
schiedenartigen Kunstschöpfungen aus der Zeit um 1600 bieten entwicklungsgeschichtliche
und stilistische Kriterien für die Beurteilung der Stillebenmalerei des gleichen Zeitraumes.

Diese zweiteilige Gliederung wurde trotz gewisser Bedenken gewählt, um die Er-
scbeinung des frühesten deutschen Stillebenmalers zu würdigen, nidit als nur eine Episode
im Gesamtablauf der Geschichte der Stillebenmalerei, sondern als Leistung, die sich in
persönlidter Durchdringung und Fortenwicklung der Errungenschaften des 16. Jahrhun-
derts bewährte. Charles Sterling (19) hat sich bemüht, die Kontinuität des Bildthemas
Stilleben von der Antike bis zur Gegenwart nachzuweisen, als er in seinem umfang-
reichen und gut dokumentierten Werk die Summe der Pariser Stillebenausstgllung von
1952 zog. Bei voller Anerkennung dieses Werkes neigen wir dazu, entscheidende Vor-
aussetzungen für die Ausbildung des Stillebens als selbständiger Bildgattung vorzugs-
weise in der Kunst- und Ideenwelt des 16. Jahrhunderts zu erblicken; dieses erste Jahr-
hundert der Neuzeit ist in seinen geistigen Grundlagen vom Mittelalter so tief gesdiie-
den, wie das Mittelalter von der Antike, so daß uns die Kontinuität der Stillebenmalerei
fraglich erscheint — vielleicht, weil in der Beurteilung des Phänomens der geistigen
Kontinuität französische und deutsche Gesdiichtsauffassung nicht übereinstimmen können.

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