Märchen von bin em, der anszog das Gruseln zu lernen.
24 5
Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug, der
jüngste aber war dumm. Wenn nun etwas zu thun war, so mußte
stets der älteste gehen, hieß ihn aber der Vater bei Nacht etwas
holen, dann rief er oft: „Ach laß mich daheim, Vater, denn es
gruselt mir." Das konnte aber der jüngste nicht begreifen und
eben so wenig, wenn Abends unheimliche Geschichten erzählt wurden
und die Leute sagten: „Ach, cs gruselt nur." Er hätte aber gar
gern auch gewußt, wie das Gruseln thuc.
Da kam eines Tages der Küster in's Haus und hörte, daß
der jüngste Sohn gern das Gruseln lernen möchte. „Wcnn's weiter
nichts ist," sagte der Küster, „so gebt den Jungen nur zu mir."
Da mußte der Junge zum Küster in'S Haus und die Glocke läuten.
Nach ein paar Tagen weckte er ihn um Mitternacht und ließ ihn
in den Kirchthurm steigen. Er aber ging heimlich voraus und als
der Andere oben war und das Glockenseil erfaßte, stand auf einmal eine
weiße Gestalt vor ihm auf der Treppe. Der Junge aber rief ohne
weiters die Gestalt an und als sie -keine Antwort gab, packte er
sie und warf sie über die Treppe hinunter. Daraus läutete er,
ging heim und legte sich, ohne ein Wort zu reden, in's Bett. Am
andern Tage fand die Frau ihren Mann, den Küster, der in einer Ecke
lag und ein Bein gebrochen hatte. Da ward der Junge von seinem
Vater arg ausgcscholtcn und bekam endlich fünfzig Thaler, mit
denen sollte er in die Welt gehen. Der Junge aber wollte das
Gruseln lernen, weil er das für die größte Kunst hielt.
Also zog er seines Weges und sprach immer vor sich hin:
„Wenn mir's nur gruselte, wenn mir'S nur gruselte!" Da kam
ein Mann, der hörte das und führte, ihn hin an den Galgen, der
unweit davon stand, da hingen sieben daran. „Da setz' dich her,"
sprach der Mann, „und wenn die Nacht kommt, wirst du schon
das Gruseln lernen." „Gut," sprach der Junge, „wenn ich das
Gruseln lerne, sollst du meine fünfzig Thaler haben, komm' nur
morgen früh wieder." Da ging der Mann fort, der Zunge aber
machte sich, als der Abend kain, ein Feuer, es war aber so kalt,
daß er trotz des Feuers fror und als der Wind die Gehenkten
droben aneinander stieß, da dachte er, wie mögen die erst da droben
frieren. Da holte er sie alle sieben herunter und setzte sie an das
Feuer. Aber sie saßen da und regten sich nicht und das Feuer
Münchener Bilderbogen.
ergriff ihre Kleider. Da ward der Junge zornig, daß sic nicht
besser Acht gaben und hing sie sämmtlich wieder hinauf, daun legte
er sich an das Feuer und schlief ein. Am andern Tage erzählte
er dem Manne Alles, da sah der, daß er die fünfzig Thaler nicht
bekäme, und ging fort.
Darauf kam er in ein Wirthshaus und klagte, daß er das
Gruseln nicht lernen könne.
Da sprach der Wirth, dazu sollte wohl hier Gelegenheit sein
und erzählte ihm, nicht weit davon stünde ein verwünschtes Schloß,
wo er das Gruseln schon lernen könnte, wenn er drei Nächte d'rinn
wachen wolle. Der König hätte dem, der das wagen wolle, seine
schöne Tochter zur Frau versprochen.
Da ging der Junge zum König und bat um die Erlaubniß,
im Schlosse zu wachen und da er dem König gefiel, so sagte dieser:
„Du darfst Dir drei Dinge mitnehmen in das Schloß, sie müssen
aber leblos sein." Da bat er um ein Feuer, eine Drehbank und
eine Schnitzbank mit dem Messer.
DaS bekam der Zunge und als es Nacht werden wollte, .ging
er hinauf, machte sich in einer Kammer ein Helles Feuer an, stellte
die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzte sich auf die
Drehbank. „Ach, wenn mir's nur gruselte, ach, wenn mir's nur
gruselte," sprach er. Gegen Mitternacht wollte er sein Feuer auf-
schüren, da schrie's plötzlich aus einer Ecke: „Au miau, uns friert!"
„Ihr Narren," rief er, „geht her und setzt Euch an's Feuer!"
Da kamen zwei große schwarze Katzen mit einem gewaltigen Sprung
herbei und setzten sich ihm zu beiden Seiten. Ueber ein Weilchen,
als sie sich gewärmt hatten, sprachen sie: „Kamerad, wollen wir
nicht eins in der Karte spielen?"
„Warum nicht?" sprach er, „aber erst will ich Euch die Nägel
beschneiden." Damit packte er sie beim Kragen, hob sie auf die
Schnitzbank und schraubte ihucn die Pfoten fest. Mit Euch mag
ich nicht spielen," sprach er, schlug die Katzen todt und warf sie
hinaus in's Wasser. Da kamen aus allen Ecken schwarze Hunde
und Katzen, er aber schlug sie alle todt und legte sich endlich in
ein großes Bett. Das fuhr aber mit ihm im ganzen Schlosse herum,
treppauf und ab, bis es umfiel und der Junge am Boden einschlief.
Mio 241
Die zweite Nacht fielen mehrere Männer in Stücken zum
Schornstein herunter, die setzten sich dann selbst wieder zusammen.
Hierauf holten sie Todtenbeine und Todtenköpse und spielten Kegel.
Der Junge aber spielte auch mit, nachdem er die Todtenköpse auf
der Drehbank rund gedreht hatte und war lustig und guter Dinge,
aber das Gruseln lernte er nicht.
In der dritten Nacht trugen sechs Männer einen todten Mann
in einer Todtenlade herein, der war eiskalt. Den nahm der Junge
mit in sein Bett, weil er so kalt war und wollte ihn wärmen.
Der Todte aber ward wirklich warm und wollte ihn zum Danke
erwürgen. Da warf ihn der Junge wieder in die Todtenlade und
schlug den Deckel zu. Da kamen die sechs Männer und trugen ihn
wieder fort. „Es will mir nicht gruseln!" rief der Junge.
Da trat ein Mann herein, der war größer als alle und
sprach: „Nun sollst du das Gruseln lernen." Darauf führte er
den Jungen zu einem Schmiedfeuer, nahm eine Art und schlug
den einen Amboß mit einem Schlag in die Erde. Da faßte der
Junge die Art, ging an den andern Amboß, spaltete ihn mit
einem Hieb, klemmte behend den weißen, langen Bart des Alten
in die Spalte und schlug darauf mit einer Eisenstange -auf den-
selben los. Der wimmerte aber und bat, er möchte aufhören, er
wolle ihm große Rcichthümcr geben. Da ließ ihn der Junge los
und der alte Mann führte ihn herum und gab ihm drei Kasten
voll Gold. Dann verschwand er und der Zunge tappte bis in
seine Kammer und schlief dort ein.
Am andern Morgen kam der König und der Junge erzählte
ihm Alles, aber auch, daß er das Gruseln nicht gelernt habe.
Da sprach der König: „Du hast das Schloß erlöst und sollst meine
Tochter heirathen."
Da ward die Hochzeit gefeiert, aber der junge König sagte
noch immer: „Wenn mir nur gruselte." Das verdroß die junge
Königin und sie schickte hinunter an den Bach und ließ sich einen
ganzen Eimer voll Gründlinge holen. Als nun ihr Gemahl Nachts
im Bette lag, zog sie die Decke weg und ließ den Eimer voll
Wasser mit den Gründlingen über ihn herschüttcn, daß die kleinen
Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: „Ach
was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau. Ja nuu weiß ich,
was Gruseln ist."
HcrnuSgegcbcn und verlegt von K, Br nun und F. Schneider in München.
Druck vl>n <!». 2k. L cl) n r i ck) in M ü n ch e n.
24 5
Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug, der
jüngste aber war dumm. Wenn nun etwas zu thun war, so mußte
stets der älteste gehen, hieß ihn aber der Vater bei Nacht etwas
holen, dann rief er oft: „Ach laß mich daheim, Vater, denn es
gruselt mir." Das konnte aber der jüngste nicht begreifen und
eben so wenig, wenn Abends unheimliche Geschichten erzählt wurden
und die Leute sagten: „Ach, cs gruselt nur." Er hätte aber gar
gern auch gewußt, wie das Gruseln thuc.
Da kam eines Tages der Küster in's Haus und hörte, daß
der jüngste Sohn gern das Gruseln lernen möchte. „Wcnn's weiter
nichts ist," sagte der Küster, „so gebt den Jungen nur zu mir."
Da mußte der Junge zum Küster in'S Haus und die Glocke läuten.
Nach ein paar Tagen weckte er ihn um Mitternacht und ließ ihn
in den Kirchthurm steigen. Er aber ging heimlich voraus und als
der Andere oben war und das Glockenseil erfaßte, stand auf einmal eine
weiße Gestalt vor ihm auf der Treppe. Der Junge aber rief ohne
weiters die Gestalt an und als sie -keine Antwort gab, packte er
sie und warf sie über die Treppe hinunter. Daraus läutete er,
ging heim und legte sich, ohne ein Wort zu reden, in's Bett. Am
andern Tage fand die Frau ihren Mann, den Küster, der in einer Ecke
lag und ein Bein gebrochen hatte. Da ward der Junge von seinem
Vater arg ausgcscholtcn und bekam endlich fünfzig Thaler, mit
denen sollte er in die Welt gehen. Der Junge aber wollte das
Gruseln lernen, weil er das für die größte Kunst hielt.
Also zog er seines Weges und sprach immer vor sich hin:
„Wenn mir's nur gruselte, wenn mir'S nur gruselte!" Da kam
ein Mann, der hörte das und führte, ihn hin an den Galgen, der
unweit davon stand, da hingen sieben daran. „Da setz' dich her,"
sprach der Mann, „und wenn die Nacht kommt, wirst du schon
das Gruseln lernen." „Gut," sprach der Junge, „wenn ich das
Gruseln lerne, sollst du meine fünfzig Thaler haben, komm' nur
morgen früh wieder." Da ging der Mann fort, der Zunge aber
machte sich, als der Abend kain, ein Feuer, es war aber so kalt,
daß er trotz des Feuers fror und als der Wind die Gehenkten
droben aneinander stieß, da dachte er, wie mögen die erst da droben
frieren. Da holte er sie alle sieben herunter und setzte sie an das
Feuer. Aber sie saßen da und regten sich nicht und das Feuer
Münchener Bilderbogen.
ergriff ihre Kleider. Da ward der Junge zornig, daß sic nicht
besser Acht gaben und hing sie sämmtlich wieder hinauf, daun legte
er sich an das Feuer und schlief ein. Am andern Tage erzählte
er dem Manne Alles, da sah der, daß er die fünfzig Thaler nicht
bekäme, und ging fort.
Darauf kam er in ein Wirthshaus und klagte, daß er das
Gruseln nicht lernen könne.
Da sprach der Wirth, dazu sollte wohl hier Gelegenheit sein
und erzählte ihm, nicht weit davon stünde ein verwünschtes Schloß,
wo er das Gruseln schon lernen könnte, wenn er drei Nächte d'rinn
wachen wolle. Der König hätte dem, der das wagen wolle, seine
schöne Tochter zur Frau versprochen.
Da ging der Junge zum König und bat um die Erlaubniß,
im Schlosse zu wachen und da er dem König gefiel, so sagte dieser:
„Du darfst Dir drei Dinge mitnehmen in das Schloß, sie müssen
aber leblos sein." Da bat er um ein Feuer, eine Drehbank und
eine Schnitzbank mit dem Messer.
DaS bekam der Zunge und als es Nacht werden wollte, .ging
er hinauf, machte sich in einer Kammer ein Helles Feuer an, stellte
die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzte sich auf die
Drehbank. „Ach, wenn mir's nur gruselte, ach, wenn mir's nur
gruselte," sprach er. Gegen Mitternacht wollte er sein Feuer auf-
schüren, da schrie's plötzlich aus einer Ecke: „Au miau, uns friert!"
„Ihr Narren," rief er, „geht her und setzt Euch an's Feuer!"
Da kamen zwei große schwarze Katzen mit einem gewaltigen Sprung
herbei und setzten sich ihm zu beiden Seiten. Ueber ein Weilchen,
als sie sich gewärmt hatten, sprachen sie: „Kamerad, wollen wir
nicht eins in der Karte spielen?"
„Warum nicht?" sprach er, „aber erst will ich Euch die Nägel
beschneiden." Damit packte er sie beim Kragen, hob sie auf die
Schnitzbank und schraubte ihucn die Pfoten fest. Mit Euch mag
ich nicht spielen," sprach er, schlug die Katzen todt und warf sie
hinaus in's Wasser. Da kamen aus allen Ecken schwarze Hunde
und Katzen, er aber schlug sie alle todt und legte sich endlich in
ein großes Bett. Das fuhr aber mit ihm im ganzen Schlosse herum,
treppauf und ab, bis es umfiel und der Junge am Boden einschlief.
Mio 241
Die zweite Nacht fielen mehrere Männer in Stücken zum
Schornstein herunter, die setzten sich dann selbst wieder zusammen.
Hierauf holten sie Todtenbeine und Todtenköpse und spielten Kegel.
Der Junge aber spielte auch mit, nachdem er die Todtenköpse auf
der Drehbank rund gedreht hatte und war lustig und guter Dinge,
aber das Gruseln lernte er nicht.
In der dritten Nacht trugen sechs Männer einen todten Mann
in einer Todtenlade herein, der war eiskalt. Den nahm der Junge
mit in sein Bett, weil er so kalt war und wollte ihn wärmen.
Der Todte aber ward wirklich warm und wollte ihn zum Danke
erwürgen. Da warf ihn der Junge wieder in die Todtenlade und
schlug den Deckel zu. Da kamen die sechs Männer und trugen ihn
wieder fort. „Es will mir nicht gruseln!" rief der Junge.
Da trat ein Mann herein, der war größer als alle und
sprach: „Nun sollst du das Gruseln lernen." Darauf führte er
den Jungen zu einem Schmiedfeuer, nahm eine Art und schlug
den einen Amboß mit einem Schlag in die Erde. Da faßte der
Junge die Art, ging an den andern Amboß, spaltete ihn mit
einem Hieb, klemmte behend den weißen, langen Bart des Alten
in die Spalte und schlug darauf mit einer Eisenstange -auf den-
selben los. Der wimmerte aber und bat, er möchte aufhören, er
wolle ihm große Rcichthümcr geben. Da ließ ihn der Junge los
und der alte Mann führte ihn herum und gab ihm drei Kasten
voll Gold. Dann verschwand er und der Zunge tappte bis in
seine Kammer und schlief dort ein.
Am andern Morgen kam der König und der Junge erzählte
ihm Alles, aber auch, daß er das Gruseln nicht gelernt habe.
Da sprach der König: „Du hast das Schloß erlöst und sollst meine
Tochter heirathen."
Da ward die Hochzeit gefeiert, aber der junge König sagte
noch immer: „Wenn mir nur gruselte." Das verdroß die junge
Königin und sie schickte hinunter an den Bach und ließ sich einen
ganzen Eimer voll Gründlinge holen. Als nun ihr Gemahl Nachts
im Bette lag, zog sie die Decke weg und ließ den Eimer voll
Wasser mit den Gründlingen über ihn herschüttcn, daß die kleinen
Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: „Ach
was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau. Ja nuu weiß ich,
was Gruseln ist."
HcrnuSgegcbcn und verlegt von K, Br nun und F. Schneider in München.
Druck vl>n <!». 2k. L cl) n r i ck) in M ü n ch e n.



