Die gelobte Kerze
2LL
Der Hanselbauer ist, wie viele Leute seines Schlages, eines
schönen Tages nach Amerika ausgewandert, weil's ihm daheim im
Vaterlande nicht gut ergangen ist und Manche wollen wissen, das
sei daher gekommen, weil es dem Hanselbauer überall besser ge-
fallen hätte, als bei der Arbeit und er namentlich im Wirthshaus
eher zu finden gewesen wäre, als auf dem Felde oder daheim.
Genug, der Hanselbauer ging fort und kam glücklich hinüber über
den Ocean in das Land seiner Träume. Dort ist's nun wirklich
dem Bauern gut gegangen und er hat binnen zehn Jahren sein
Schäfchen, wie man sagt, in's Trockne gebracht. Das ist aber
den, so hat er eines schönen Tages seine sämmtlichcn Liegenschaften
verkauft und ist zu Schiffe gegangen, um in die Heimath zurück
zu 'kehren. Allein schon nach wenigen Tagen erhub sich ein ge-
waltiges Unwetter. Am Himmel ballten sich schwere Wolken zu-
sammen, grelle Blitze erhellten nur hier und da die finstere Nacht
und der Donner rollte gewaltig über der schäumenden See. Das
Schiff ward von den gewaltigen Wogen umher geworfen wie eine
Nussschale, die Masten krachten und durch das Takelwerk pfiff der
Sturm unheimlich und Unheil verkündend. Da kniete unter der
todtbleichen Schiffsmannschaft auch der Hanselbaucr und betete:
weder durch ein Wunder noch besonders Glück geschehen, vielmehr
ging das mit ganz natürlichen Dingen zu. Der Hanselbauer hat
nämlich Land gekauft, weit draußen in einer öden Gegend, wo weit
und breit weder ein Wirthshaus noch ein anders Haus zu finden
war. Da hieß es nun auf einmal angreifen und arbeiten Tag
und Nacht oder hungern und umkommen, denn es war Niemand
da, der dem Hanselbauer geholfen oder ihn unterstützt hätte. So
hat er denn also in der That im Schweiße seines Angesichtes sein
Brod verdient und da er dadurch ein wohlhabender Mann gewor-
„O du lieber Vater im Himmel, sei uns armen Menschen barm-
herzig und gnädig und errette uns aus Gefahr und Tod mit
deiner allmächtigen Hand. Komme ich aber glücklich heim, dann
will ich dir zu Ehr und Ruhm in unser Kirchlein eine Kerze
stiften, die sollen sechs Mann nicht tragen können, so großmächtig
soll die sein." Und siehe da, das Wetter hat mit seinem ärgsten
Toben nachgelassen, am Himmel ist es ruhiger geworden, die Blitze
haben nicht mehr geleuchtet und der Donner hat nicht mehr gerollt.
Aber das Meer hat sich noch lang nicht beruhigt und brach
sich tobend an den Schiffswänden, daß sie zitterten und bebten von
dem gewaltigen Andrange. Da hat der Hanselbaucr abermals ge-
betet und sein Gelöbniß erneuert dem Herrn der Heerschaaren ge-
genüber, aber die gelobte Kerze, die sollten nicht mehr sechs Mann
kaum tragen können, sondern „ein starker Mann soll sie nimmer
schleppen können, die Kerze die ich stiften will," so sprach der
Bauer. Und mehr und mehr vertobte das Unwetter, die See
glättete sich nach und nach, das Gewölk theilte sich und der blaue
Himmel spiegelte sich auf der unendlichen Wasserfläche. Allein noch
war nicht alles gewonnen, denn das Schiff hatte seinen Curs ver-
loren, das heißt, es war von dem gewaltigen Sturme von seinem
Wege abgekommen und hatte viel Schaden genommen an Masten,
Segeln und Takclwerk. Dem Hanselbauer aber schwoll sein Herz
vor Sehnsucht nach der geliebten Heimath. „Führ' mich glücklich
heim, himmlischer Vater," so rief er aus, „und ich trage dir
eine Kerze in dein Kirchlein, eine Kerze länger als mein Arm,
die soll an dem Altäre stehen dir zu Ruhm und Ehre, weil du
gnädig mich hast zurück kehren lassen zu meinem friedlichen Dörf-
lein, in die Heimath, wo Vater und Mutter begraben liegen und
wo auch ich einst ruhen will, wenn es dein himmlischer Wille ist."
Und der Hanselbauer ist richtig heimgekommen und wie er
das Thal, worin er geboren, hat vor sich liegen sehen im Abend-
sonnenschein, die Hütten und Bäume, die Berge und Wälder, da
hat er sich an Alles erinnert, aber nur nicht an das Gelöbniß,
was er dem lieben Gott abgelegt in den Stunden der Gefahr.
Erst nach mehreren Tagen, als er an das Kirchlein kam, hat er
sich seiner Pflicht erinnert, hat sein Beutlein gezogen, einen Kreuzer
herausgenommcn und dafür ei» winziges Kerzlein erworben, das hat
er hin an den Altar getragen um sein Gelöbniß zu vollbringen.
Solcher Hanselbaucrn aber gibt cs gar viele in der weiten
Welt und wie viele in Noth und Elend gegebene Versprechungen
werden noch alle Tage so gelöst, wie es der Hanselbauer mit der
verheißenen Kerze gemacht hat.
Münchener Bilderbogen.
Xr« 255
Herausgegcbcn und verlegt von K. Braun und F. Schneider in München.
Druck von C. N. Schuri ch in M n nche n.
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Der Hanselbauer ist, wie viele Leute seines Schlages, eines
schönen Tages nach Amerika ausgewandert, weil's ihm daheim im
Vaterlande nicht gut ergangen ist und Manche wollen wissen, das
sei daher gekommen, weil es dem Hanselbauer überall besser ge-
fallen hätte, als bei der Arbeit und er namentlich im Wirthshaus
eher zu finden gewesen wäre, als auf dem Felde oder daheim.
Genug, der Hanselbauer ging fort und kam glücklich hinüber über
den Ocean in das Land seiner Träume. Dort ist's nun wirklich
dem Bauern gut gegangen und er hat binnen zehn Jahren sein
Schäfchen, wie man sagt, in's Trockne gebracht. Das ist aber
den, so hat er eines schönen Tages seine sämmtlichcn Liegenschaften
verkauft und ist zu Schiffe gegangen, um in die Heimath zurück
zu 'kehren. Allein schon nach wenigen Tagen erhub sich ein ge-
waltiges Unwetter. Am Himmel ballten sich schwere Wolken zu-
sammen, grelle Blitze erhellten nur hier und da die finstere Nacht
und der Donner rollte gewaltig über der schäumenden See. Das
Schiff ward von den gewaltigen Wogen umher geworfen wie eine
Nussschale, die Masten krachten und durch das Takelwerk pfiff der
Sturm unheimlich und Unheil verkündend. Da kniete unter der
todtbleichen Schiffsmannschaft auch der Hanselbaucr und betete:
weder durch ein Wunder noch besonders Glück geschehen, vielmehr
ging das mit ganz natürlichen Dingen zu. Der Hanselbauer hat
nämlich Land gekauft, weit draußen in einer öden Gegend, wo weit
und breit weder ein Wirthshaus noch ein anders Haus zu finden
war. Da hieß es nun auf einmal angreifen und arbeiten Tag
und Nacht oder hungern und umkommen, denn es war Niemand
da, der dem Hanselbauer geholfen oder ihn unterstützt hätte. So
hat er denn also in der That im Schweiße seines Angesichtes sein
Brod verdient und da er dadurch ein wohlhabender Mann gewor-
„O du lieber Vater im Himmel, sei uns armen Menschen barm-
herzig und gnädig und errette uns aus Gefahr und Tod mit
deiner allmächtigen Hand. Komme ich aber glücklich heim, dann
will ich dir zu Ehr und Ruhm in unser Kirchlein eine Kerze
stiften, die sollen sechs Mann nicht tragen können, so großmächtig
soll die sein." Und siehe da, das Wetter hat mit seinem ärgsten
Toben nachgelassen, am Himmel ist es ruhiger geworden, die Blitze
haben nicht mehr geleuchtet und der Donner hat nicht mehr gerollt.
Aber das Meer hat sich noch lang nicht beruhigt und brach
sich tobend an den Schiffswänden, daß sie zitterten und bebten von
dem gewaltigen Andrange. Da hat der Hanselbaucr abermals ge-
betet und sein Gelöbniß erneuert dem Herrn der Heerschaaren ge-
genüber, aber die gelobte Kerze, die sollten nicht mehr sechs Mann
kaum tragen können, sondern „ein starker Mann soll sie nimmer
schleppen können, die Kerze die ich stiften will," so sprach der
Bauer. Und mehr und mehr vertobte das Unwetter, die See
glättete sich nach und nach, das Gewölk theilte sich und der blaue
Himmel spiegelte sich auf der unendlichen Wasserfläche. Allein noch
war nicht alles gewonnen, denn das Schiff hatte seinen Curs ver-
loren, das heißt, es war von dem gewaltigen Sturme von seinem
Wege abgekommen und hatte viel Schaden genommen an Masten,
Segeln und Takclwerk. Dem Hanselbauer aber schwoll sein Herz
vor Sehnsucht nach der geliebten Heimath. „Führ' mich glücklich
heim, himmlischer Vater," so rief er aus, „und ich trage dir
eine Kerze in dein Kirchlein, eine Kerze länger als mein Arm,
die soll an dem Altäre stehen dir zu Ruhm und Ehre, weil du
gnädig mich hast zurück kehren lassen zu meinem friedlichen Dörf-
lein, in die Heimath, wo Vater und Mutter begraben liegen und
wo auch ich einst ruhen will, wenn es dein himmlischer Wille ist."
Und der Hanselbauer ist richtig heimgekommen und wie er
das Thal, worin er geboren, hat vor sich liegen sehen im Abend-
sonnenschein, die Hütten und Bäume, die Berge und Wälder, da
hat er sich an Alles erinnert, aber nur nicht an das Gelöbniß,
was er dem lieben Gott abgelegt in den Stunden der Gefahr.
Erst nach mehreren Tagen, als er an das Kirchlein kam, hat er
sich seiner Pflicht erinnert, hat sein Beutlein gezogen, einen Kreuzer
herausgenommcn und dafür ei» winziges Kerzlein erworben, das hat
er hin an den Altar getragen um sein Gelöbniß zu vollbringen.
Solcher Hanselbaucrn aber gibt cs gar viele in der weiten
Welt und wie viele in Noth und Elend gegebene Versprechungen
werden noch alle Tage so gelöst, wie es der Hanselbauer mit der
verheißenen Kerze gemacht hat.
Münchener Bilderbogen.
Xr« 255
Herausgegcbcn und verlegt von K. Braun und F. Schneider in München.
Druck von C. N. Schuri ch in M n nche n.



