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Münchener Bilderbogen: Münchener Bilderbogen — 13.[1860] Nro. 289-312

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Nro. 312
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https://doi.org/10.11588/diglit.51445#0027
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Eine Familie und ihre Ahnen

oder so ändern sieh die Zeiten.

312


Im Linncnkleid und Bärenfelle,
Mit Speer und Hammer an der Seit',
So zogen unsre starken Ahnen
Einst gen die Römer in den Streit,
Und tranken — als der Sieg errangen.
Und als der Feind lag in dein Staub, —
Ihr Gcrstenbicr aus Büffelhörncrn,
Und schmückten sich mit Eichenlaub.

Und schlicht und ernst an Art und Kleid
War unser Ahn' mit Weib und Kind
Vor tausend Jahr'n, zur Frankenzcit,
Als Karl der Große hochgesinnt
Das deutsche Kaiserreich errang,
Und sich die halbe Welt bezwang.

Im Waffcnrock und Eisenkleide,
Die ziicht'ge Hausfrau an der Hand,
So führte vor fünfhundert Jahren
Der Burgherr in dem deutschen Land
Sein Söhnlein, das ihm Gott verlieh'n,
Zum Hofe seines Kaisers hin.

In Stahl gehüllt, doch reich geschmückt
Mit Sammet, Pelz und Schellenten,
Zog Deutschlands Ritter zum Turnier.
Um Vierzehnhnndcrtsechzig schon;
Die Frau prangt in damast'ncr Schaub«
Und schimmernder Burgunder-Haube.


Um Fünfzehnhundert, als Herr Max,
Der „letzte Ritter" Kaiser war,
Da ward an Alaun und Weib und Kind
Viel Prunk und Reichthnm offenbar,
So farbig bunt in Schmuck und Kleid,
Wie letzte Herbstesherrlichkeit.

Ganz and're Zeit, nach spanischem Schnitt,
Bracht' Karls des Fünften Herrschaft mit:
Knapp, finster, eng und streng an Kleid
Und Wesen war die ganze Zeit,
Und Dame, Herr und Junkcrlein
Sah'n gleich bedacht und ernsthaft d'rcin.

Doch später um die hundert Jahr',
Um Scchzehnhnndcrtsechzig, war
Der deutsche Cavalicr in Sitte
Und Kleid ganz nach Franzosen-Schnittc
Verweichlicht schon und aufgestntzt,
Mit fremdem Flitter ausgepicht.

Und später noch um sechzig Jahre,
Als er schon trug die falschen Haare
Emporgethürmt auf seinem Haupt,
Hat er gar fürnehm sich geglaubt,
Wenn mit Llacknme und Noimisnr Sohn
Er convcrsirt' nach Frankreichs Ton.


Und so ging's fort, — Gott sei's geklagt,
Und in elmponn cm parasol
Führt grumt' mama, den Rohrstock wohl,
Weil grumt papa die Wildschur tragt,
Mit Puder die Pcrück' bestäubt,
Jndeß xstit tils sein Rößlein treibt

Die Mode ist ein launisch Ding,
Ans Weit folgt Eng, auf Dick folgt Mager:
Um Achtzehnhnndcrtfnnfzchn ging
Mann, Frau und Kind einher so hager,
Und eng und knapp, als kriegt' der Schneider
Zn wenig Zeng stets für die Kleider.

Um Anno Dreißig hob sich's wieder:
Des Herrn 'Apollo-Locke schwillt;
Der Dame Aermel, Flaum gefüllt,
Ihr Nicscnhnt, besteckt mit Flieder,
Strebt, bnntbebändert, in die Breiten,
Der Knab' trägt Peitsch' und Sporn zum Reiten.

Und heut' zu Tag — im schottischen Plaid,
Mit Ungarhnt und Rnssenbart,
Das Röcklein nach Pariser-Art,
Der Deutsche mit der Deutschen geht,
Die, wie ihr Kind, von jedem Land
Der Welt ein Stück trägt als Gewand, —
Nicht schön, nicht wild, nicht kalt, nicht warm,
Nicht welsch, nicht deutsch, — daß Gott erbarm.

Mimchcilcr Bilderbogen.
3. Auflage.

I'O. 8 8 2. Hcrausgegcben und verlegt von K. Braun und F. Schneider in München.
Kgl. Hofbnchdruckerei von I)r. E. Wolf L Sohn in München.
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