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Johann der Seifensieder.
Von Hagedorn.

326


Johann, der munt're Seifensieder,
Erlernte viele schöne Lieder,
Und sang mit unbesorgtem Sinn.
Vom Morgen bis zum Abend hin.
Sein Tagwerk könnt' ihm Nahrung bringen,
Und wenn er aß, so mußt' er singen.

Und wenn er sang, so war's mit Lust,
Aus vollem Hals und freier Brust;
Beim Morgenbrod, beim Abendessen
Blieb Ton und Triller unvergessen;
Der schallte recht, und seine Kraft
Durchdrang^die halbe Nachbarschaft.


Den Sänger, den er früh vernommen,
Läßt er an einem Morgen kommen,
Und spricht: „Hans! Du sollst glücklich sein,
Die 50 Thaler hier sind Dein, —
Nur unterlasse den Gesang,
Das Geld hat einen bess'ren Klang!"

Hans dankt, und schleicht mit scheuem Blicke,
Mit mehr als diebischer Furcht zurücke;
Er küßt den Beutel, den er hält
Und zählt und wägt und schwenkt das Geld,
Das Geld, den Ursprung seiner Freude,
Und seiner Augen neue Weide.


Man horcht, man fragt: „Wer singt schon wieder?"
Wer ist's? — Der munt're Seifensieder!
Es wohnte Diesem in der Nähe
Ein Sprößling ans vornehmer Ehe,
Der, stolz und steif und adelich,
Im Schmausen keinem Fürsten wich.

Kaum hatte mit den Morgenstunden
Sein erster Schlaf sich eingesunden,
So ließ ihm den Genuß der Ruh'
Der nahe Sänger nimmer zu:
„Zum Henker! Lärmst Du dort schon wieder,
O Du verwünschter Seifensieder!?"


Es wird mit stummer Lust beschaut,
Und einer Kiste anvcrtraut,
Die Band und starke Schlösser hüten,
Bei Einbruch Dieben Trotz zu bieten,
Die auch der karge Thor bei Nacht
Ans banger Vorsicht selbst bewacht.

Sobald sich nur der Haushund reget,
Sobald der Kater sich beweget,
Durchsucht er Alles, bis er glaubt.
Daß ihn kein frecher Dieb beraubt;
Bis, oft gestoßen, oft gescholten,
Sich Hund und Katz von hinnen trollten,


Sein Mops, der keine Kunst vergaß,
Und wedelnd bei dem Kessel saß,
Sein Hinz, der Liebling aller Katzen,
So glatt von Fell, so weich von Tatzen.
Hans lernt zuletzt, jemehr er spart,
Wie oft sich Sorg' mit Reichthum paart,

Und manches Reichen falsche Freuden
Ihn ewig von der Freiheit scheiden.
Die nur in reine Seelen strahlt,
Und deren Glück kein Gold bezahlt.
Dem Nachbar, den er stets geweckt,
Bis der das Geld ihm zugesteckt, —


Den: stellt er bald, aus Lust zur Ruh',
Den vollen Beutel wieder zu.
Und spricht: „Herr! Lehrt mich bess're Sachen,
Als, statt des Singens, Geld bewachen!
Nehmt immer Euren Beutel hin,
Und laßt mir meinen frohen Sinn!

Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,
Ich tausche nicht mit Euren Freuden,
Der Himmel hat mich recht geliebt.
Der mir die Stimme wieder gibt;
Was ich gewesen, werd' ich wieder:
Johann, der munt're Seifensieder!"

Münchener Bilderbogen.

Nr«. 326.

Herausgaben und verlegt Von K. Braun und F. Schneider in München.

Druck von C. N. Schnrich in München.
 
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