Klein Noland.
(llhlnnd's gleichnnlniger Ballade nacherzählt.)
II2»
Hf^rau Bertha saß in der Felsen-
klnft; sic war von König Karl,
ihrem Bruder, verstoßen lvorden, Held
Milon, ihr Gemahl, war weit über das
Meer in den Krieg gezogen, nnd da
schmachtete sie nun im Elend. Nun
rief sie ihr Söhnlein, klein Roland,
herbei, welcher sich im Walde tnmmelte,
nnd sagte: „Lieb' Roland, geh' in die
Stadt nnd bitte von guten Leuten sür
uns zn Essen nnd zn Trinken." Klein
Roland lief in die Stadt, wo in hohem
Rlllerfaale König Karl Tafel hielt. Im
urmo Lv/rw, /ve/iHe grstnv/d
wurden, doch Roland trat kühn an des
Königs Tisch, nahm eine Schüssel nnd
ging damit, sie seinerMutter zn bringen.
Bald kehrte er wieder nnd nahm des
Königs Pokal voll funkelnden Weines.
Nun rief ihn aber der König an und
fragte ihn, für wen er so kühn Braten
und Wein voll des Königs Tisch hole?
Roland antwortete: „Für meineMntter."
„„Welch' hohe Dame ist denn deine
Mutter, wer ist ihr Truchseß, wer
ihr Scheuk, wer ihre Wächter, wer
ihr Sänger?"" „Ihr Truchseß ist meine
Rechte, meine Linke ist ihr Schenk, meine
Angen sind ihre Wächter, mein Mund
ihr Sänger." „„Die Dame hat wack'rc
Diener, doch tragen sie sonder Livrei.""
„8 Knaben in jedem Viertel der Stadl
habe ich bezwungen, die mußten mir
für meinen Rock vierfältig Tuch zinsen."
Da ward der König begierig, Rolands
Mutter zu sehen, und drei Damen nnd
drei Herrn mußten sie herbeiholen. Doch
wie erstaunte er, als er in der Fran
im grauen PilgergewandeseilicSchwester
erkannte. Erst blickte er sinstcr, dann
aber sprach er: Steh' auf, du Schwester
mein, nm diesen deinem lieben Sohn
soll dir verziehen sein!"
Münchener Bilderbogen.
(Alle Itcchlc vorvelialkcn.)
Xr<». 1129.
Kgl. Hof- nnd llniversititts-Buchdruckerei von vr. C. Wolf L Sohn in München.
Herausgegeben und verlegt von Braun K Schneider in München.
(llhlnnd's gleichnnlniger Ballade nacherzählt.)
II2»
Hf^rau Bertha saß in der Felsen-
klnft; sic war von König Karl,
ihrem Bruder, verstoßen lvorden, Held
Milon, ihr Gemahl, war weit über das
Meer in den Krieg gezogen, nnd da
schmachtete sie nun im Elend. Nun
rief sie ihr Söhnlein, klein Roland,
herbei, welcher sich im Walde tnmmelte,
nnd sagte: „Lieb' Roland, geh' in die
Stadt nnd bitte von guten Leuten sür
uns zn Essen nnd zn Trinken." Klein
Roland lief in die Stadt, wo in hohem
Rlllerfaale König Karl Tafel hielt. Im
urmo Lv/rw, /ve/iHe grstnv/d
wurden, doch Roland trat kühn an des
Königs Tisch, nahm eine Schüssel nnd
ging damit, sie seinerMutter zn bringen.
Bald kehrte er wieder nnd nahm des
Königs Pokal voll funkelnden Weines.
Nun rief ihn aber der König an und
fragte ihn, für wen er so kühn Braten
und Wein voll des Königs Tisch hole?
Roland antwortete: „Für meineMntter."
„„Welch' hohe Dame ist denn deine
Mutter, wer ist ihr Truchseß, wer
ihr Scheuk, wer ihre Wächter, wer
ihr Sänger?"" „Ihr Truchseß ist meine
Rechte, meine Linke ist ihr Schenk, meine
Angen sind ihre Wächter, mein Mund
ihr Sänger." „„Die Dame hat wack'rc
Diener, doch tragen sie sonder Livrei.""
„8 Knaben in jedem Viertel der Stadl
habe ich bezwungen, die mußten mir
für meinen Rock vierfältig Tuch zinsen."
Da ward der König begierig, Rolands
Mutter zu sehen, und drei Damen nnd
drei Herrn mußten sie herbeiholen. Doch
wie erstaunte er, als er in der Fran
im grauen PilgergewandeseilicSchwester
erkannte. Erst blickte er sinstcr, dann
aber sprach er: Steh' auf, du Schwester
mein, nm diesen deinem lieben Sohn
soll dir verziehen sein!"
Münchener Bilderbogen.
(Alle Itcchlc vorvelialkcn.)
Xr<». 1129.
Kgl. Hof- nnd llniversititts-Buchdruckerei von vr. C. Wolf L Sohn in München.
Herausgegeben und verlegt von Braun K Schneider in München.



