Das Porträt
1141
Papas Geburtstag ist schon bald.
Darum wird Hugo abgemalt.
Der Künstler richtest paßt und stellt.
Bis ihm der Ausdruck wohlgefüllt. —
Dann aber spricht er frohgemut:
„Jetzt nicht mehr rühren! So ist's gut!"
Indes erinnert Hugo rasch
Des Apfels sich in seiner Tusch'.
Herr Pinsler suchst des Eifers voll.
Mit welcher Färb' er malen soll.
Doch Hugo zieht und zerrt und preßt
An seinem Rieseuapfel fest.
Er bringt ihn endlich auch heraus
Und macht vergnügt sich an den Schmaus.
Der Maler mit Entsetzen spricht:
„Nein, so 'was porträtiert mau nicht
Geduldig stellt er ihn aufs neu
Und setzt dann fort die Pinselei.
Doch während er gar emsig malt.
Gähnt Hugo voller Langweil' bald.
Da sagt der Künstler lächelnd schlau:
„Mein Kind, dies große Bretzel schau!
Nicht wahr, so etwas freut dich sehr?
Nun sei hübsch brav und gähn' nicht mehr!"
Der Knabe folgt dem guten Rat,
Wie man hier sieht, auch in der That.
Der Maler, halb verzweifelnd, stöhnt:
„Wer denkt, daß er's gleich essen könnt'!"
Doch wie er wieder sich erhebt.
Sein Herz erst recht vor Ängsten bebt:
Zn aller seiner Mühe Lohn
Ist nun der Knabe gar entfloh'n!
Er schaut und sucht und ruft ganz blaß.
Da spürt er ans dem Rücken 'was.
Und sieht mit ungeheurem Schreck
Wie aber unters Tuch er kriecht.
Meint Hugo: „Jetzt sieht er mich nicht!"
Und klettert unvorsichtig drauf
Geschwind auf seinen Stuhl hinauf.
Samt seinem Sessel purzelt er —
Der Apparat folgt hinterher
Und PinSlcr ruft mit lautem Schrei'n:
„Ich seh' ja nichts! Füllt'sHansdenncin?"
Kaum daß er aber sprach dies Wort,
Da liegt er auch schon selber dort
Und streckt die Beine himmelwärts.
Das freut des schlimmen Jungen Herz
Der Maler ruft durchs Fenster drauf
„He, Dienstmaun, kommen Sie herauf!"
Der Knabe schiebt indessen schnell
Pariserblau — den größten Fleck.
Doch zwingt er seinen Unmut dann
Und holt den Apparat heran.
„So Helf' ich mir!" denkt er. „Jetzt wird
Ter Schlinget schnell photographiert!"
Weir auseinander das Gestell.
Die Wirkung davon gleich sich zeigt.
Wie nun herab Herr Pinsler steigt:
Denn Hugo füllt da unter Schrei'n
Gerad' in die Palett' hinein.
Ans seinem Höslein drauf entstand
Ein großes Farbcndurcheinand',
Und nur mit Mühe reinigt ihn
Davon des Künstlers Terpentin. —
Der Dicnstmann wird darauf bestimmt.
Daß er beim Kopf den Knaben nimmt.
Und Pinsler spricht, des Einfalls froh:
„Nun halten Sie ihn nur mir so!"
„Jetzt gilt es!" ruft er gleich darauf
Und nimmt geschwind das Bildnis auf;
Doch Hugo, der zu lang dies fand.
Hat seitwärts schnell den Kopf gewandt.
Umsonst war dadurch alle Müh':
Es zeigt ja die Photographie
Bon Hugo nun kaum eine Spur —
Den Dienstmann voller Eifer nur.
Als schließlich die Maina kommt, spricht
Erschöpft der Maler: „'s geht ja nicht!"
„Pfui, schau' Dich an!" ruft sie da ans,
„Und schäm' Dich — wart', komm' nur nach Hans!"
Münchener Bilderbogen.
(Alle Rechte Vorbehalten.)
Nro. 1141.
Kgl. Hof- und llniversitüts-Buchdruckerei von Ur. C. Wols L Sohn in München.
HerauSgegeben und verlegt von Braun H Schneider in München.
1141
Papas Geburtstag ist schon bald.
Darum wird Hugo abgemalt.
Der Künstler richtest paßt und stellt.
Bis ihm der Ausdruck wohlgefüllt. —
Dann aber spricht er frohgemut:
„Jetzt nicht mehr rühren! So ist's gut!"
Indes erinnert Hugo rasch
Des Apfels sich in seiner Tusch'.
Herr Pinsler suchst des Eifers voll.
Mit welcher Färb' er malen soll.
Doch Hugo zieht und zerrt und preßt
An seinem Rieseuapfel fest.
Er bringt ihn endlich auch heraus
Und macht vergnügt sich an den Schmaus.
Der Maler mit Entsetzen spricht:
„Nein, so 'was porträtiert mau nicht
Geduldig stellt er ihn aufs neu
Und setzt dann fort die Pinselei.
Doch während er gar emsig malt.
Gähnt Hugo voller Langweil' bald.
Da sagt der Künstler lächelnd schlau:
„Mein Kind, dies große Bretzel schau!
Nicht wahr, so etwas freut dich sehr?
Nun sei hübsch brav und gähn' nicht mehr!"
Der Knabe folgt dem guten Rat,
Wie man hier sieht, auch in der That.
Der Maler, halb verzweifelnd, stöhnt:
„Wer denkt, daß er's gleich essen könnt'!"
Doch wie er wieder sich erhebt.
Sein Herz erst recht vor Ängsten bebt:
Zn aller seiner Mühe Lohn
Ist nun der Knabe gar entfloh'n!
Er schaut und sucht und ruft ganz blaß.
Da spürt er ans dem Rücken 'was.
Und sieht mit ungeheurem Schreck
Wie aber unters Tuch er kriecht.
Meint Hugo: „Jetzt sieht er mich nicht!"
Und klettert unvorsichtig drauf
Geschwind auf seinen Stuhl hinauf.
Samt seinem Sessel purzelt er —
Der Apparat folgt hinterher
Und PinSlcr ruft mit lautem Schrei'n:
„Ich seh' ja nichts! Füllt'sHansdenncin?"
Kaum daß er aber sprach dies Wort,
Da liegt er auch schon selber dort
Und streckt die Beine himmelwärts.
Das freut des schlimmen Jungen Herz
Der Maler ruft durchs Fenster drauf
„He, Dienstmaun, kommen Sie herauf!"
Der Knabe schiebt indessen schnell
Pariserblau — den größten Fleck.
Doch zwingt er seinen Unmut dann
Und holt den Apparat heran.
„So Helf' ich mir!" denkt er. „Jetzt wird
Ter Schlinget schnell photographiert!"
Weir auseinander das Gestell.
Die Wirkung davon gleich sich zeigt.
Wie nun herab Herr Pinsler steigt:
Denn Hugo füllt da unter Schrei'n
Gerad' in die Palett' hinein.
Ans seinem Höslein drauf entstand
Ein großes Farbcndurcheinand',
Und nur mit Mühe reinigt ihn
Davon des Künstlers Terpentin. —
Der Dicnstmann wird darauf bestimmt.
Daß er beim Kopf den Knaben nimmt.
Und Pinsler spricht, des Einfalls froh:
„Nun halten Sie ihn nur mir so!"
„Jetzt gilt es!" ruft er gleich darauf
Und nimmt geschwind das Bildnis auf;
Doch Hugo, der zu lang dies fand.
Hat seitwärts schnell den Kopf gewandt.
Umsonst war dadurch alle Müh':
Es zeigt ja die Photographie
Bon Hugo nun kaum eine Spur —
Den Dienstmann voller Eifer nur.
Als schließlich die Maina kommt, spricht
Erschöpft der Maler: „'s geht ja nicht!"
„Pfui, schau' Dich an!" ruft sie da ans,
„Und schäm' Dich — wart', komm' nur nach Hans!"
Münchener Bilderbogen.
(Alle Rechte Vorbehalten.)
Nro. 1141.
Kgl. Hof- und llniversitüts-Buchdruckerei von Ur. C. Wols L Sohn in München.
HerauSgegeben und verlegt von Braun H Schneider in München.



