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Zwerg Nase.
Ein Märchen nach W. Hauff.



i.
8s lebte einst in einer großen Stadt Deutschlands eine alte
Frau, die sich und ihren einzigen Sohn Jakob durch einen
kleinen Kräuter- und Gemüsehandel redlich nährte. Da kam eines
Tages ein gar häßliches, altes Weib mit fürchterlich großer Nase
und schrecklichem Buckel, und wühlte mit ihren garstigen, langen
Fingern in den Gemüsekörben umher; nichts wollte ihr gefallen und
über alles schimpfte sie. Der kleine Jakob wurde bald überdrüssig
des langen Nachwühlens der Alten, zankte sie tüchtig aus und
spottete über ihre schreckliche Mißgestalt. „Warte nur, Bürschchen,"

murmelte sie höhnisch, „sollst bald ebenso hübsch aussehen!" Sprach's,
kaufte mehrere Kohlköpfe und bat, der Junge möge ihr die Ware
heimtragcn helfen. Rach langer Wanderung durch unzählige Straßen
nnd Gäßchen gelangten sie zu einem uralten Hause, der Wohnung
der Alten. Mit einem rostigen Schlüssel öffnete sie eine morsche
Thüre. Wie erstaunte Jakob beim Anblick der Pracht, welche das
Innere seinen Blicken darbot! Alles glänzte und blitzte wie von
Krhstall und Silber, muntere Eichhörnchen bedienten auf das flinkste
ihre Herrin, und die vorher noch wie lahme Alte fuhr jetzt auf ein Paar
Schuhen aus Cocosnußschalen wie ein Pfeil durch die Gemächer,

den verdutzten Jakob nach sich ziehend. Sie kochte ihm nun ein
Süppchen, das sie mit einem eigentümlich duftenden Kräutlein
würzte. Alsbald versank er in einen tiefen Schlaf und sah sich verwandelt
in ein Eichkätzchen und empfing von den anderen kleinen Tierchen gar
schöne, kostbare Lehren in der Kochkunst, der er bald vollständig
Meister war. — Nachdem er 7 lange Jahre als Eichkätzchen gedient
und gelernt, erwachte er wieder als Mensch, glaubend, statt 7 Jahre
nur 7 Tage geträumt zu haben. Die Alte ließ ihn hinaus auf die
Straße, und als er an einem Spiegelladen vorbeikam, gewahrte er
mit Schaudern und Entsetzen, daß er in einen häßlichen Zwerg von der



Alten verwandelt worden war. Er sah seine furchtbar lange Nase,
seinen Buckel, den kurzen Hals, die kleinen Arme und Füße. Weinend
suchte er seine Mutter auf; doch diese jagte ihn mit Scheltworten
von dannen.
II.
In tiefem Schmerze über sein trauriges Los sann er nach, wie
er nun sein Leben am besten fristen könne. Ei, dachte Jakob, habe
ich diese abscheuliche Nase von der Hexe bekommen, so kann ich doch
auch alle Kochkünste der Welt. Ich will unsern Herzog aufsuchen,
vielleicht kann ich in seiner Küche eine gute Versorgung finden; und

er ging also hin. Zuerst lachte alles über die kleine Mißgestalt;
doch Ivie Zwerg Nase — denn so nannte man ihn alsbald — die Leib-
speisen des Gebieters auf die wohlschmeckendste Art und so geschwind
zuzubereiten wußte, verwandelte sich Aller Geringschätzung in die
größte Bewunderung; er ward der Liebling des Herzogs und des
ganzen Hofes. Bon allen Seiten kamen Lernbegierige, um den be-
rühmten Koch zu sehen und ihm seine Künste abznlauschcn, und so
war der kleine Nase oft von einer großen Schar Schüler und
Schülerinnen umringt. — Einst kaufte er auf dem Markte ein Paar
fette Gänse ein; da hörte er, wie die eine ihn anredete: „Ich bin

Mimi, König Wetterbocks Tochter und wie Du svon der bösen Fee
Krüutcrweis verzaubert; tötest Du mich, so kostet eS auch Dein Leben!"
Jakob aber beruhigte sie, wies ihr ein sicheres Plätzchen in seinem
Zimmer an, fütterte sic mit Süßigkeiten und plauderte gar oft mit ihr.
III.
Da geschah es einmal, daß der Herzog einem fremden Fürsten,
der ein noch größerer Feinschmecker war, ein Gastmahl gab, wobei
auch auf Wunsch desselben als leckerste Speise die feinste aller Pa
steten, IwiErains, aufgetischt werden sollte. Nase machte sofort eine


Probe von derselben, welche dem Herzog auch ausgezeichnet mundete;
der fürstliche Gast aber lachte spöttisch und sagte, es fehle der Pa-
stete die Hauptsache, nämlich das Kräutlein „Nießmitlust". Der
Herzog, der den besten Koch der Welt zu besitzen glaubte, war dar-
über fürchterlich erzürnt und drohte nun dem Zwerg, ihm den Kopf
nbhacken zu lassen, wenn die Speise nicht zur Zufriedenheit seines
Gastes ausfalle. Dadurch geriet Rase in eine schlimme Lage, denn
das Kräutlein war ihm unbekannt. Mimi aber half ihrem Beschützer
aus der Not; sie sagte: „Nimm mich mit in den Garten; unter

Kastanicnbäumen muß es zu finden sein." Lange suchten sic ver-
gebens —> da auf einmal kam Mimi fröhlich herbeigeflogen, das wun-
dersame Kräutlein im Schnabel. „Sieh, dort wächst davon in
Menge!" Auf dem Zimmer angclangt, bewunderte Jakob das schöne
Blümlein und sog den lieblichen Duft ein. Plötzlich ging mit ihm
eine merkwürdige Verwandlung vor, denn es war dasselbe Kräutlein,
mit dem ihn die Alte verzaubert hatte. Es schwand seine Mißge-
stalt, seine Nase schrumpfte ein, und er stand da als schöner, gold
lockiger Jüngling. „Flüchte mit mir zu meinem Vater," sagte die

Gans, „damit er auch mich entzaubern kann!" Der Wächter, nichts
ahnend, ließ den fremden Jüngling mit seiner Gans ruhig die Pforten
Passieren. Nach langer Fahrt gelangten sie glücklich zu König
Wetterbock, der den Zauber der bösen Fee unschädlich machte und
so sein liebes Töchterlein wieder erhielt. Jakob, aber kehrte, auf das
prächtigste bewirtet und beschenkt, zur Freude seiner Mutter, wieder
in die liebe Heimat zurück.

Münchener Bilderbogen.
(Alle Ilcchie voröeyatten.)

Slr«. 119».

Kgl. Hof- und Universitäts-Buchdruckerei von vr. C. Wolf L Sohn in München.

Herausgegeben und verlegt von Braun H Schneider in München.
 
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