Münchener Punsch: humoristisches Originalblatt — 18.1865

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Gestützt auf eine Erkläruiiq der Frau Constauze Dahu, geb. Le Gay,
äußern mehrere Blätter ihre Verwuuderuiuz, daß es dieser Daine vor
ihrer Peusionirung nicht vergonnt gewesen sei, sich dem Publikuin iu
einer AbschiedsroNe noch einmal zu zeigen. Frau Constanze Dahn be-
herrschte lange Zeit das Repertoire und war einst eiue vorzügliche tragische
Liebhaberiu. Da übrigens beispielsweise auch Härtinger und Pclle-
grini, gewiß Künstler in des Wortes eminenter Bedeutuug, ohnebeson-
dere Feierlichkeit von der Arena verschwanden, so scheiut das Abschied-
nehmen überhaupt aus der Mode gekominen zu sein und Frau Constanze
Dahn kann sich ihres Theils kaum darüber beklagen. „Starb doch auch
Patroklus, und war besser als du!" heißt's im „Homer".

Zur preußischeu Juristerei. Der Telegraph brachte vor Kurzem die
Meldung: „Die Verhandluug stellt heraus, daß May ein Preuße ist."
Es ist wirklich schwer zu begreisen, wie es bei einem zurechnungsfähigen
und der landesüblichen Sprache kundigen Menschen erst einer Gerichls-
verhandlung bedürfen soll, um seine Landsmannschaft sestzustellen. Auch
wird dadur'ch zugestanden, daß May verhaftet ward, bevor man gewiß
wuhte, daß er ein Preuße sei! — Das Sonderbarste aber bleibt das
Motiv seiner Freisprechung: „Weil nicht bewiesen ist, daß er Kenntniß
von dem incriminirten Artikel batte!" Der Artikel selbst bleibt also
straffällig. Sollte Herr May wirklich die Schwäche gehabt haben, die
Kenntniß seiner eigenen Aufsätze zu läugnen? Oder wurde ihm diese
elende Ausrede nur imputirt? Keinenfalls kann man, wie es von
gewissen Seiten versucht werden mochte, den Ausgang dieses Prozesses
als Zeichen der Unabhängigkeit preußischer Richter oder gar als Nieder-
lage des Grafen Bismark anerkennen.

Was dem Einen recht, ist dcm Andern billig. Unter den neuesten
östreichischen Erlassen steht auf allerhöchsten Befehl auch ein gewisser
Bernhard Meyer als Generalsekretär. Einige liberale Blätter suchcn
nun den ganzen Geist der allerneuesten kaiserlich-königlichen Aera durch
den Umstand zu keunzeichnen, daß sLrglicher Bernhard Meyer zu den
Führern des ehemaligeu schweizerischen Sonderbundes gehörte. Wir ken-
neu Herrn Bernhard Meyer nicht, aber obiger Umstand beiveist gegen ihn
Nichts. Auch Bluntschli gehörte in der Schweiz zu den Häuptern
des Sonderbuudes! Und jetzt? Es scheint, daß man einen Liberalen
und vollends gar einen Nationalvereinler aus jedem Holze schnitzeln kann.

Brieftanzen.

Da der höchst gefährliche Pascolini ausgekommen ist und sich
h erumtreibt, wäre da nicht eine ortspolizeiliche Vorschrift angezeigt:
daß alle Spitzbuben an der Leine geführt werden müssen?

Dnrck der vr. Wild'schen Buchdruckerei (ParcuS).
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