EINLEITUNG
Wenn immer wir uns einer überragenden Erscheinung im Reiche der Kunst nähern, werden
alle Fragen über Warum und Wieso vergeblich gestellt. Wohl läßt sich hinweisen auf den
fruchtbaren tragfähigen Grund, d. h. auf die Umstände. Aber die Umstände ermöglichen
nicht, erklären nicht das Genie. Auch wären alle unsere Bemühungen vergeblich, dieses auf
Begriffe zu bringen. Und es wäre auch unnötig: wir erkennen es und erleben es, indem
wir sein Werk erleben und erkennen. Daher die häufig zu beobachtende Enttäuschung
über Schriften, die sich der Grenze des Sagbaren bewußt bleiben, gerade bei einer enthusias-
tischen Jugend, die im Grunde nur sich selbst bespiegeln, nur sich selbst bestätigt sehen
will.
Soviel indessen läßt sich sagen, daß ein Dürer nur denkbar war auf der Grenze zwischen
Mittelalter und Neuzeit. Er ist Träger einer beispiellos gediegenen handwerklichen Über-
lieferung. Er ist aber auch ein neuzeitlicher Geist, in dem sich die gebundene Religiosität
einer vergangenen Zeit mit der erwachenden Entdeckung des Ich vereinigt.
Wir begnügen uns heute nicht mehr mit billigen Herleitungen aus Schulen oder aus Ein-
flüssen, denen früher ein viel zu großes Gewicht beigelegt wurde. Was will es schon be-
sagen,, daß Dürer Arbeiten bedeutender Vorläufer anerkannte, ja sie gelegentlich kopierte.
Heute steht dies alles und unendlich viel mehr zur Verfügung und doch bringt unsere Zeit
keinen Dürer hervor. Was aber wäre das alles gewesen ohne die Nürnberger Mitte, der er
entwuchs, jenes Stadtwesen, das eigenartig, kraftvoll und selbstbewußt Kunst seit langem
in gewaltigen Stößen hervorbrachte und in wachsendem Maße zarteren Empfindungen
zugänglich wurde. Obwohl selbstherrlich kraft der dem Genius aufgetragenen Sendung,
ist Albrecht Dürer doch in keiner anderen Umwelt denkbar als der großen und mächtigen
Reichsstadt, dem geistigen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum Frankens. Ob
magyarisches Blut in seinen Adern floß, oder ob seine in Ungarn lebenden Vorfahren
ausgewanderte Deutsche waren, ist bei dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht
sicher zu sagen. Geboren wurde er am 21. Mai 1471 als Sohn des gleichnamigen Gold-
schmieds.
Als Dürer selbst die Aufgabe des Malers andeuten wollte, gab er keine komplizierten und
geistreichen Formulierungen von sich, sondern wies bescheiden auf die Messung des
Erdreichs, Wassers und der Sterne hin, die seien verständlich geworden durch das Gemäl,
dann das Porträt und die Passion des Herrn als durch den Dienst an der Kirche geboten. -
Das Überraschende ist hier nicht nur die Wichtigkeit, die der Erkenntnis des Sichtbaren
8
Wenn immer wir uns einer überragenden Erscheinung im Reiche der Kunst nähern, werden
alle Fragen über Warum und Wieso vergeblich gestellt. Wohl läßt sich hinweisen auf den
fruchtbaren tragfähigen Grund, d. h. auf die Umstände. Aber die Umstände ermöglichen
nicht, erklären nicht das Genie. Auch wären alle unsere Bemühungen vergeblich, dieses auf
Begriffe zu bringen. Und es wäre auch unnötig: wir erkennen es und erleben es, indem
wir sein Werk erleben und erkennen. Daher die häufig zu beobachtende Enttäuschung
über Schriften, die sich der Grenze des Sagbaren bewußt bleiben, gerade bei einer enthusias-
tischen Jugend, die im Grunde nur sich selbst bespiegeln, nur sich selbst bestätigt sehen
will.
Soviel indessen läßt sich sagen, daß ein Dürer nur denkbar war auf der Grenze zwischen
Mittelalter und Neuzeit. Er ist Träger einer beispiellos gediegenen handwerklichen Über-
lieferung. Er ist aber auch ein neuzeitlicher Geist, in dem sich die gebundene Religiosität
einer vergangenen Zeit mit der erwachenden Entdeckung des Ich vereinigt.
Wir begnügen uns heute nicht mehr mit billigen Herleitungen aus Schulen oder aus Ein-
flüssen, denen früher ein viel zu großes Gewicht beigelegt wurde. Was will es schon be-
sagen,, daß Dürer Arbeiten bedeutender Vorläufer anerkannte, ja sie gelegentlich kopierte.
Heute steht dies alles und unendlich viel mehr zur Verfügung und doch bringt unsere Zeit
keinen Dürer hervor. Was aber wäre das alles gewesen ohne die Nürnberger Mitte, der er
entwuchs, jenes Stadtwesen, das eigenartig, kraftvoll und selbstbewußt Kunst seit langem
in gewaltigen Stößen hervorbrachte und in wachsendem Maße zarteren Empfindungen
zugänglich wurde. Obwohl selbstherrlich kraft der dem Genius aufgetragenen Sendung,
ist Albrecht Dürer doch in keiner anderen Umwelt denkbar als der großen und mächtigen
Reichsstadt, dem geistigen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum Frankens. Ob
magyarisches Blut in seinen Adern floß, oder ob seine in Ungarn lebenden Vorfahren
ausgewanderte Deutsche waren, ist bei dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht
sicher zu sagen. Geboren wurde er am 21. Mai 1471 als Sohn des gleichnamigen Gold-
schmieds.
Als Dürer selbst die Aufgabe des Malers andeuten wollte, gab er keine komplizierten und
geistreichen Formulierungen von sich, sondern wies bescheiden auf die Messung des
Erdreichs, Wassers und der Sterne hin, die seien verständlich geworden durch das Gemäl,
dann das Porträt und die Passion des Herrn als durch den Dienst an der Kirche geboten. -
Das Überraschende ist hier nicht nur die Wichtigkeit, die der Erkenntnis des Sichtbaren
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