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FROHE ZEICHNUNGEN UND HOLZSCHNITTE

ERSTE ITALIENFAHRT

Um Dürers künstlerischen Absichten auf die Spur zu kommen, um deutlicher zu sehen,
was er wollte, dafür gibt es kein besseres Mittel als die Zeichnungen. So wie Dürer seine
Vorstellung klärt, indem er zeichnet und sich eine Grundlage des Bildes schafft, so daß
später durch das Bild die Zeichnung wieder durchzuahnen ist, so lernt auch der Betrachter
mit ihrer Hilfe in das eindringen, was eigentlich gemeint ist. Nur ein Teil der Zeichnungen
ist auf uns gekommen, aber wir klammern uns an sie als Äußerungen persönlichster Art,
von denen wir jeden möglichen Aufschluß erhoffen. Und Dürer gibt sich von vorneherein
persönlich. Er läßt uns in das Werden seiner Werke, in sein eigenes Werden Einblicke tun,
er will gar nicht als ein Zauberer erscheinen, vor dessen Künsten man verblüfft stehen-
bleiben soll.
Schon der junge Dürer hatte eine Vorstellung davon, daß die Nachwelt seinen Arbeiten
Interesse entgegenbringen würde, obwohl er paradoxerweise an den nahenden Weltunter-
gang glaubte. Früh schon signiert und datiert er einzelne Blätter, doch reichen seine Angaben
nicht aus für eine bis ins Letzte klare Vorstellung der Frühzeit, und zu durchgehender
Datierung entschließt er sich erst ab 1503. Seine Zeichnungen gehören keineswegs einer
einheitlichen qualitativen Schicht an. Je nach dem Zweck, den er im Auge hatte, und je nach
der Stufe im Werdeprozeß eines Werkes entstehen im Furioso hingeschleuderte Skizzen
oder penibel ausgeführte Studien, lediglich dem Künstler dienende, manchmal fade oder
rein konstruktive Werkzeichnungen, schließlich aber auch bildmäßige Reinzeichnungen
und ganz bildhaft abgeschlossene Blätter, die »Meisterzeichnung« im engeren Sinn. Gerade
in den so wichtigen Jugendjahren gibt es zahlreiche Lücken der Erhaltung, und bis heute ist
es nicht gelungen, letzte Gewißheit über das zu erlangen, was auf der Wanderschaft, was in
Basel, in Straßburg entstand, auch nicht darüber, was vor und was nach der ersten Italien-
fahrt (1494/95) eingereiht gehört.
Ganz am Anfang steht das Selbstbildnis aus früher Jugend (in der Albertina), im Alter
von dreizehn Jahren mit dem Silberstift vor dem Spiegel gezeichnet, das uns erahnen läßt,
wie schlicht und bescheiden und dabei doch seines Wertes bewußt der Knabe war. Es ist
nicht etwa vorurteilslos beobachtet wie ein Jahrzehnt später die Erlanger Zeichnung, viel-
mehr zeigt es, daß Dürer sich fürs Erste an die Tradition hält: die Augen sind typisch
gotisch, auch die schmale Hand, die aus den stilisierten Ärmelschwüngen herausweist. Eines

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